CH.FILM

Ni olvido ni perdon Schweiz 2003 – 85min.

Ni olvido ni perdon

Filmkritik

Weit weg vom olympischen Geist

Filmkritik: Remo Bräuchi

Am 12. Oktober 1968 wurden in Mexico City die 19. Olympischen Spiele eröffnet. Es waren die ersten Spiele, die in einem Entwicklungsland stattfanden. Zehn Tage früher war die Regierung mit äusserster Brutalität gegen Demonstranten vorgegangen und hatte ein Massaker angerichtet. Davon erzählt Richard Dindo in seinem neuen Film.

"Everything is possible with Peace" war das Motto der Spiele. Im Sog der 68er Bewegung demonstrierten auch in Mexiko den ganzen Sommer über tausende Menschen für mehr Rechte. Doch die mexikanische Regierung sah sich zunehmend überfordert. Das Olympische Komitee forderte die Regierung ultimativ auf, für Recht und Ordnung zu sorgen und drohte mit einer Verschiebung der Spiele an einen anderen Ort. Als sich am 2. Oktober 1968 auf dem "Platz der drei Kulturen", einem Platz der im 14. Jahrhundert von den Azteken gegründet worden war, gegen 20'000 Menschen versammelten, griff schliesslich die Armee ein.

Die lokalen Medien berichteten tags darauf von 20 Toten. Einschätzungen amerikanischer Nachrichtendienste zufolge starben jedoch zwischen 150 und 300 Menschen im Kugelhagel von Polizei und Armee. Die meisten Opfer liegen heute in einem verwahrlosten Massengrab am Rande der Stadt. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Ganz unscheinbar, und gerade deshalb auf eindrückliche Weise, zeigt sich in Richard Dindos Film, wie wichtig das Engagement der damaligen Beteiligten gegen das Vergessen ist. Ihnen, die sie nie eine Erklärung oder eine Entschuldigung erhalten haben, sind die über 30 Jahre zurückliegenden Ereignisse so nah, wie wenn sie gestern stattgefunden hätten. Myrthokleia Gonzalez Gallardo, Angélica López Hernàndez, Fausto Trejo, sie alle haben ihr Leben dem Kampf für Aufklärung gewidmet. Der Weg dahin ist steinig und noch immer gefährlich. Erst 1993 konnte auf dem Platz der drei Kulturen eine Gedenkstätte errichtet werden. Erst 1996 erlaubte die Regierung erste Einblicke in bis dahin unter Verschluss gehaltene Dokumente zum Massaker. Und erst 2002 kam der Hauptredner von damals, Florencio López Ossuna, nach einem Radiointerview unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Jahrelang totgeschwiegen, ist das Massaker von damals in Mexikos Schulen seit kurzem Teil des Geschichtsunterrichts. Doch wenn junge Erwachsene heute nur etwas hilflos eine vage Beschreibung der Ereignisse vom 2. Oktober 1968 wiedergeben können, wird auf beängstigende Weise klar, wie eine ganze Generation der Arroganz einer Regierung zum Opfer gefallen ist.

29.12.2003

4

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