Wenn Liebe tötet Australien, Grossbritannien, USA 2003 – 119min.

Filmkritik

Labyrinth der Leidenschaft

Flavia Giorgetta
Filmkritik: Flavia Giorgetta

In ihrer bislang erstaunlichsten Rolle überzeugt Meg Ryan als Lehrerin, die in einen Strudel aus Morden, Sex und Literatur gerät.

Mitte der Neunzigerjahre ging ein Raunen durch die Literaturwelt. Susanna Moores Roman "In the Cut" schockierte ebenso durch sein Ende wie durch die Erzählerin, die alles durch eine erotische Brille sieht - selbst wenn ein Serienmörder ihr das Messer an die Brust hält. Mit Jane Campion hat Moore das Drehbuch geschrieben, und daraus ist ein Film entstanden, der im Gegensatz zur Vorlage zu einem versöhnlichen Schluss findet und die schlafwandlerische Stimmung noch stärker betont.

Die alleinstehende Englischlehrerin und Autorin Frannie (Meg Ryan) fühlt sich in den schummrigen Ecken New Yorks zu Hause. Weil in ihrem Garten Überreste einer Leiche gefunden werden, stellt der attraktive Cop Malloy (Mark Ruffalo) ihr Fragen zu einem Mord, der in eine Serie mündet. Von Beginn an flimmert die Leinwand vor Verlangen, und tatsächlich gehen die beiden eine Affäre ein. Gleichzeitig wird Frannie von einem Ex-Lover (Kevin Bacon) bedrängt und von ihrem Schüler Cornelius (Sharrief Pugh) mit Slangausdrücken für weibliche Geschlechtsteile beliefert. Mit ihrer Halbschwester Pauline (Jennifer Jason Leigh) spricht sie über Sex und Obsessionen. Beide Frauen sind unglückliche Singles, und doch schrecken sie vor Beziehungen zurück. Sie bilden eine eigene, inzestuös angehauchte Familie, verbunden auch durch den gemeinsamen Vater, der nie da war und Frauen sammelte wie der Killer Körperteile.

Der Täter mordet sich Richtung Frannie, und sie sammelt Indizien, als wären es Puzzleteile zu einem Roman. In ihren Augen könnten alle drei Männer der Mörder sein, und doch trifft sie sich mit allen immer wieder - wenn auch stets Distanz mitschwingt. Es ist, als müsste sie die Umwelt interpretieren wie die Gedichte an den U-Bahn-Wänden, und tatsächlich schwimmt die Protagonistin in einem Fluss der Ereignisse, die sie zwar deutet, aber nicht aktiv beeinflusst. Der Film geht aufs Ganze, indem er Erwartungen an einen Psychothriller unterläuft und zum Bewusstseinsstrom wird - und somit nicht nur auf der Höhe der Romanvorlage ist, sondern auch auf die Technik verweist, für die Virginia Woolf berühmt wurde: Handlungen vermischen sich mit den Gedanken und Gefühlen der Protagonistin, und nicht selten werden durch die Wahrnehmung Gegenstände erotisiert. Frannies Schüler finden Woolfs "To the Lighthouse" öde, weil nur eine alte Schachtel stirbt, doch für Frannie selbst wird der Leuchtturm am Ende Ort der höchsten Erregung in jedem Sinne.

In der Diskussion mit männlichen Kollegen zeigte sich, dass sie einen vollkommen anderen Film gesehen hatten als ich. Sie vermissten Spannung und langweilten sich. Ich weiss nicht, ob In the Cut ein «Frauenfilm» ist, aber auf eine traumwandlerische Art fasst er eine vielleicht verstörende Facette weiblicher Sexualität. Wenn Frannie im Halbschlaf ein bisschen masturbiert, steht dies für ihre Wahrnehmung der Welt: Alles ist durch einen Schleier gesehen auf eine sinnliche Art nah und ungreifbar zugleich. Sie giert nach Gefahr und fühlt sich von ihr bedroht - Sex und Tod werden eins. "In the cut" spielt nicht nur auf die Zerstückelung der Opfer an, "cut" ist auch ein Slangausdruck für Vagina.

Die Grösse des Films ist, dass er die in Psychoanalyse wie Kunst so wichtige Vermischung von Lust und Schmerz nicht über den Verstand vermittelt, sondern über die Sinne. Dunkles Setting, dumpfe Geräusche und eine tastende Kamera kreieren eine unwirkliche Atmosphäre, die in ihrer Bedrohlichkeit auch ein Zuhause birgt. Einmal schreit Malloy Frannie an: «Was willst du eigentlich?», und sie antwortet nicht. Das liegt nicht daran, dass sie nicht weiss, was sie will, sondern dass sie Gegensätze verlangt: Sicherheit und Gefahr, Geborgenheit und Animalisches, Traum und Nüchternheit. Frannie vereint diese, indem sie die Männer verschmelzen lässt, und darin liegt eine Furcht erregende Poesie.

05.05.2011

5

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Kommentare

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gefuehlsmensch

vor 7 Jahren

gefällt. mir.


fanya

vor 7 Jahren

Langatmig, aber speziell gefilmt.


movie world filip

vor 9 Jahren

meg ryan kann also auch gut schauspielen sehen wir hier mal recht... die kleine rolle von bacon liebe ich: warum niemand mit ihm sex will


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