CH.FILM

Hans im Glück Schweiz 2003 – 90min.

Hans im Glück

Filmkritik

Endlich Nichtraucher - der andere Heimatfilm

Filmkritik: Irene Genhart

Peter Liechtis "Hans im Glück" basiert auf dem Versuch des Regisseurs, mittels Langstreckenmärschen vom Rauchen loszukommen. Entstanden ist ein poetischer Filmessay über die Schweiz und die Befindlichkeit des angehenden Nichtrauchers.

Mit dem bekannten Kindermärchen gleichen Titels hat Peter Liechtis "Hans im Glück" so viel wie nichts gemein. Ausser dem Umstand, dass sowohl im Märchen als auch im Film einer - dort der kleine Hans, hier der 50-jährige Regisseur - marschierenderweise eine Last abwirft. "Drei Versuche, das Rauchen loszuwerden" lautet derUntertitel des Projekts: Im Grunde genommen handelt es sich dabei um das filmische Protokoll eines Entzugs.

Dessen Mass ist die reine Subjektivität, die endlos sprechende, öfters ins Fabuliern geratende Off-Stimme, welche die Gedanken des Regisseurs rezitiert. Abgesehen von den ewig marschierenden, von oben gefilmten Füssen und dem mitlaufenden Schatten ist dieser Hans, der da Peter heisst und in seine zigarettenbefreite, glückliche Zukunft wandert, im Bild kaum je zu sehen. Umso präsenter ist er verbal: "Seit das Rauchen kein Problem mehr ist, wird mir das Denken zum Problem. Kaum hör’ ich auf mit dem Rauchen, fang’ ich schon an mit dem Denken. Wo früher das Denken gewissermassen limitiert war, da denk ich heite völlig ungebremst drauflos. Das bedeutet nicht grössere Denkschärfe oder Denktiefe, vielmehr ist es eine Art gedankliches Hyperventilieren..."

Hochpoetisch, selbstironisch und wunderbar launisch ist der von Hanspeter Müller vorgelesene Text, ein von der Umgebung und der inneren Befindlichkeit des Filmers angeregter Kommentar, der die Bilder assozierend erläutert oder in Kontrast zu ihnen in ferne Traum- und Gedankenwelten führt.

Dreimal ist Liechti in Zürich losmarschiert, dreimal ist er in St. Gallen angekommen, getragen von der Hoffnung, dass da, "wo alles seinen Anfang nahm, sich auch ein Ende finden" wird. Zweimal wurde er rückfällig und machte sich deswegen erneut auf die Socken. Die Routen indes unterscheiden sich. Im Sommer 1999 gelangt Liechti via Dübendorf und Bodensee nach St. Gallen, ein Jahr später gehts dem Zürichsee entlang gegen das Toggenburg und via Appenzell in die alte Heimat. Der dritte Marsch schliesslich führt über Andelfingen, Frauenfeld und Wil.

Diese unterschiedlichen Wege machen "Hans im Glück" weit und über das persönliche Erleben hinaus zur Hommage an die Heimat des Regisseurs, die Ostschweiz. Der Bodensee, der im Sommer '99 über die Ufer tritt, der trutzig umwitterte Säntis, die "echte" und "falsche" Folklore, die hohe Brücke, von welcher der Aktionskünstler Roman Signer dereinst (von Liechti dokumentiert), seine Stühle fallen liess - all das gehört auch zum "Vor-Sich-Hin-Schweizern", wie es Liechti nennt. Seine neuen Erlebnisse verbindet er assoziativ mit früheren Werken, andere Reisen und Aufnahmen, wie etwa die Super-8-Filme aus Russland mit dem Dorftrottel Juri oder die Giraffen inAfrika, die man dann vielleicht in Liechtis nächstem Film, "Namibia Crossing" wieder sehen wird.

Der angehende Nichtraucher hat sich vorgenommen, allein zu wandern, doch unterwegs begegnet er zwangsläufig Menschen: Den in St. Gallen lebenden Eltern; seinem Freund Sepp, der sommers landwirtet und winters in einer Verteilerfirma schuftet; der über 90-jährigen Anni Kugler, die im Altersheim so ein "kolossal langweiliges und blödes" Leben führt; dem Lungenkrebs-Kranken im Kantonsspital; den Buben und Mädchen, die am Funkensonntag stolz ihreersten Stumpen rauchen.

Vier Jahre vergingen vom ersten Marsch bis zur diesjährigen Uraufführung von "Hans im Glück" in Locarno. Sorgfalt, erzählerische Dichte und Klarheit zeichnen Liechtis neusten Film wie schon seine früheren Werke "Marthas Garten" und "Signers Koffer" aus. Der eigenwillige Filmessay ist, in einem anderen und viel urtümlicheren Sinn, als es der Begriff bisher je meinte, vor allem einst: Ein Heimatfilm.



20.10.2003

4

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