Happy Times China 2002 – 96min.

Filmkritik

Die Kunst des richtigen Lügens

Filmkritik: Andrea Bleuler

Nach seinen historischen Dramen "Raise the Red Lantern" und "Die Geschichte von Qiu Ju" konzentriert sich Regisseur Zhang Yimou nun auf die Gegenwart. Einsamkeit und Selbsttäuschung dominieren das Leben seiner Protagonisten im heutigen Bejing. Der grosse Meister formuliert eine Allegorie des Grossstadtlebens, die in Ost und West gleichermassen verstanden wird.

Keine Liebe ohne Geld: Zhao (Zhao Benshan) - ein pensionierter Junggeselle - mag Frauen, die gut im Fleisch sind. Von seiner Kontaktvermittlung bekommt er aber nur dürre Frauen angeboten. Irgendwann wird er tatsächlich fündig. Doch die Auserwählte wünscht eine luxuriöse Hochzeit und der Bräutigam sieht sich gezwungen, eine grosse Summe Geld zusammentragen.

Sein bester Freund Li bringt ihn darauf, einen alten Bus als Liebesnest zu vermieten, und bald kann er sich als Hoteldirektor präsentieren. Von seiner Zukünftigen wird er dazu angehalten, ihre blinde Stieftochter (die graziöse Kinodebütantin Dong Jie) in seinem Unternehmen als Masseuse anzustellen. Doch das klapprige Bushotel wird von den Behörden entsorgt.

Der erfinderische Zhao baut daraufhin eine Hotel-Massagezimmer-Attrappe nach. Seine Freunde mimen die Kunden und sind grosszügig mit Trinkgeld. Das Lügengebäude muss erhalten bleiben - eine andere Lösung gibt es nicht. Schliesslich sind die akkumulierten Halbwahrheiten einfach viel schöner als die Realität.

Das junge Mädchen ist jedenfalls von ihrem Wohltäter begeistert: Mitten im Verkehr Bejings tastet sie über sein Gesicht, um sich ein wahres Bild von ihm zu machen. Diese "Bilder" trügen nicht, und deshalb kann sie ihm auch sagen, eine "glückliche Zeit" bei ihm verbracht zu haben, auch wenn er gelogen hat. Zu lügen, um jemand anderen glücklich zu machen, ist jedenfalls nicht verwerflich.

Regisseur Zhang Yimou vermischt seine leise Komödie raffiniert mit scharfer Gesellschaftskritik. Dabei bleibt er stets ganz nahe an seinen Figuren, um die grossstädtische Gemeinschaft zu skizzieren. Die grundlegenden Veränderungen im sich kapitalisierenden China werden ganz beiläufig beschrieben.

Genau die zeitlosen und immer wiederkehrenden tief menschlichen Themen sind es, die dieses Werk zu einem globalen und internationalen Film machen. Die schlichte Eleganz seiner Geschichte ist entwaffnend und zeugt vom Können eines Kunstschaffenden, der auch über die Geschichte der Menschheit viel weiss.

16.10.2020

5

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Kommentare

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oxid69

vor 17 Jahren

Zhan Yimou show us a touching movie, with an original story and great actors.

The story is set on China at this day, it's not a classical Yimou movie, if you liked Beijing Bycicle, you will love this one.

Don't miss it!


fassadenkletterkater

vor 17 Jahren

in meinen augen der beste film in diesem jahr! meister yimou serviert uns mit happy times erneut kino der grossen emotionen. die eigentliche hauptperson des films ist zhao, ein frühpensionär und junggeselle der verbittert eine frau für seinen lebensabend sucht. sie 'findet', endtäuscht wird und sich zu allem übel auch noch um deren blinde stieftochter sorgen muss (welche im übrigen genial und ich meine GENIAL! von leinwanddebutantin jie dong gespielt wird). natürlich ist die geschichte noch um einiges tiefer als hier beschrieben, aber ich möchte nicht zu viel verraten. die moralische erzählung vom alltag kleiner leute ist einfach gestrickt und wirkt in zeiten des schnellem sozialökonomischen wandels in china, wo besonders in den grossstädten eigensucht, zwischenmenschliche rücksichtslosigkeit und materielle gier grassieren augenöffnend.

fünf sterne für dieses meisterwerk und einen extra für jie dong. danke zhang yimouMehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 17 Jahren

....BRILLANT!


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