CH.FILM

ID Swiss Schweiz 1999 – 90min.

ID Swiss

Filmkritik

Sieben mal Schweiz

Filmkritik: Mathieu Morath

Hinter dem Label "ID Swiss" verbergen sich sieben Kurzfilme, verpackt in einen Dokumentarfilm. Durch das Produkt der jungen Regisseurinnen und Filmer züngelt das Thema "Multikulturelle Schweiz". Das klingt ermüdend, nach moralischem Zeigefinger und Schulfernsehen. Doch erstaunlicherweise gelingt es "ID Swiss", die Worthülse aus dem Sozialarbeiterfriedhof vergessen zu lassen. Mit lebensnahen Geschichten, unterschiedlichen Blickwinkeln und vielfältigen Zugangsweisen.

Aus den Wolken leuchten kleine Videofenster auf. Sie zeigen Menschen, wie man sie jeden Tag auf der Strasse sieht. Ausser vielleicht im Kanton Uri (Ausländeranteil 9%). Familiennamen, die gleichzeitig fremd und schweizerisch klingen (z.B. Thümena, Werenfels, Bernasconi). Zum Auftakt treffen sich ein Indo-Schweizer und eine Waadtländerin zu einem bi-kulturellen Abendessen. Der erste Episodenfilm vermischt Werbefilm, Kochsendung, Fotoroman und romantisches Tête-à-tête. Eine männliche Stimme aus dem Off spricht über Rezepte, Kulturen, Familiengeschichten und Bindungswünsche. Raclette Curry (Kamal Musale) endet mit einem Kuss. Die Chancen für ein Happyend stehen nicht schlecht (Scheidungsraten Schweizer/Schweizerin 43%, Schweizer/Ausländerin 44%, Schweizerin/Ausländer 76%). Kein typischer Dokumentarfilm also, sondern eine Art Doku-Fiction. Erzählung, Selbstinszenierung und subjektive Ich-Perspektive werden verbunden. Als männlicher Protagonist tritt der Regisseur selbst auf. Auch Was Wann Wie Wohin gehört (Wageh George) zeigt seinen Regisseur. Er ist um der Liebe willen aus Ägypten in die Schweiz ausgewandert und steht nun eineinhalb Jahre vor der Einbürgerung. Gewissenhaft bereitet er sich auf den grossen Tag vor und versucht liebevoll-spöttisch in Kairo und Zürich herauszufinden: Was macht jemanden zu einem "echten" Schweizer? Kann ich Schweizer werden? Die ermutigende Antwort der greisen Auslandschweizerin "Why not?" kontrastiert mit den kuriosen Vorstellungen seiner Familie, seiner Freunde und des Gärtners auf dem Schweizerfriedhof in Kairo. Doch selbst die herzlichen und latent rassistischen Worte seines Zürcher Hauswartes schrecken ihn nicht ab: Er will die "ID Swiss" und fühlt sich bereit (Einwanderung 1998 durch Kontingent 15'027, durch Heirat 11'123). Genau das Umgekehrte versucht die protestantisch aufgewachsene, schweizerische Regisseurin in Making of a Jew (Stina Werenfels). Von Selbstzweifeln ergriffen, will sie nicht eine andere, sondern ihre eigene Identität erfahren und stellt bei Rabbinern und jüdischen Familien ironisch-objektive Recherchen an: Bist du Jüdin oder nicht? Habe ich einen kleinen Höcker auf der Nase, weil ich jüdisch bin, oder damit meine Brille nicht runterrutscht? (Jüdische Bevölkerung in der Schweiz 17'600, Muslims 152'000). Ähnlich erkundet die ägyptisch-schweizerische Filmemacherin Nadia Fares in Mixed Up ihre Identität, nutzt aber mehr filmisches Tagebuchmaterial. Ganz anders wird das Aufeinanderprallen von Nationen und Kulturen in Hopp Schwyz (Fulvio Bernasconi) durchgespielt: Soll Fulvio im Fussball-Länderspiel als Tessiner mit italienischen Eltern für die Schweiz oder Italien sein? Kann ihm sein Grossvater oder der italienische Vater eines Schweizer Nationalspielers weiterhelfen? Der Kurzfilm setzt dosierte Videoästhetik, gutes Timing und Situationkomik ein, um mit Leichtigkeit die Widersprüchlichkeit von Identitäten zu thematisieren. Auf indirekterem Weg erkundet Christian Davi in Home Alone? die "ID Swiss". Er umkreist die grösstenteils schweizerischen Bewohnerinnen eines Altersheims und die zur Mehrheit ausländischen Angestellten (Ausländeranteil im Sozialwesen 25 %, im Gastgewerbe 34%). Der Graben zwischen den Kulturen wird mit demjenigen zwischen den Generationen vergleichbar. Der unheimlichste Episodenfilm ist Train fantôme (Thomas Thümena), der den imaginären Grenzen zwischen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz in einer Panzergrenadier-Rekrutenschule nachgeht. Rekruten drücken Ängste vor einem Bürgerkrieg aus, befürchten Konflikte zwischen Deutsch- und Welschschweizern, Schweizern und Ausländern oder zwischen verschiedenen Ethnien.

Hervorgegangen ist "ID Swiss" aus einem Wettbewerb der SRG. Für das Konzept, den Final Cut und den gemeinsamen Rahmen der sieben Kurzfilme sind Werner Schweizer und Samir verantwortlich. Wenn die Produzenten als eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts die Integration nennen, so wäre aufgrund der letztgenannten Kurzfilme zu ergänzen: Integration ist auch ein Schweizer-"Problem". Die Schweiz ist nicht nur mit der Integration von Ausländern, sondern auch mit den Spannungen zwischen den Generationen und Sprachregionen der Schweiz konfrontiert. Insgesamt ist "ID Swiss" ein berührendes, facettenreiches Kaleidoskop der schweizerischen Identität und der "Idee Schweiz". Das liegt nicht zuletzt an der unorthodoxen Form: Neben autobiographisch-dokumentarische Sequenzen und Sachinformationen treten inszeniert-fiktive Elemente. Eine Tendenz bestätigt sich: Im Dokumentarfilm wird heute vermehrt erzählt. Also doch nicht nur Schulfernsehen und Zeigefinger, sondern auch gute Unterhaltung.

Offizielle Film-Hompepage

07.08.2001

4

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