Boléro Belgien, Frankreich 2024 – 120min.

Filmkritik

Das unverstandene Genie

Filmkritik: Fanny Agostino

Anne Fontaine widmet ihren neuen Spielfilm dem Komponisten Maurice Ravel, der durch sein Ballett «Boléro» weltberühmt wurde. Ein Biopic, das einen grossen Widerspruch aufgreift: Ravels Gefühl der Befremdlichkeit im Hinblick auf seinen Erfolg.

Im Paris der wilden 20er-Jahre unterhält sich Maurice Ravel (Raphaël Personnaz), ein wortkarger, drahtiger Mann, in einer Fabrik mit einer weltgewandten Frau. Der ohrenbetäubende Lärm fasziniert den Musiker. Der metallische Hall und die rhythmischen Geräusche inspirieren ihn für die Partitur, die er seiner russischen Freundin Ida Rubinstein (Jeanne Balibar) überbringen will. Sie hat bei ihm ein spanisch inspiriertes Ballett in Auftrag gegeben, welches sie an der Oper inszenieren will. Die Diskrepanz ist unverkennbar: Die Dekadenz des Balletts und die Welt der Arbeiter treffen aufeinander. Es wird deutlich, dass Ravel ein Avantgardist ist.

Anne Fontaine wiederholt es während des gesamten Films immer wieder: Der Boléro hatte eine überwältigende Wirkung, die bis heute anhält, sodass die eindringliche und hypnotische Melodie jede Viertelstunde auf der Welt zu hören ist. Bereits im Vorspann ist diese Aussage allgegenwärtig. Sie ist zu stark, um eine Anekdote zu sein und dient als Alibi. Ravels Erfolg wird nicht gewürdigt und die Geschichte des Maestros lässt Raum für das Unbehagen im Leben des Komponisten: Der Ruhm lässt ihn unbefriedigt. Ravel ist einsam, schwankt zwischen Depressionen und der Besessenheit von der ihn umgebenden Klanglandschaft. Ida bedient sich des Boleros im Rahmen einer sinnlichen und erotischen Inszenierung, der sich der Symphoniker nicht anschliessen kann. Das Werk entgleitet seinem Schöpfer.

In «Boléro» wird Ravel als das unverstandene Genie dargestellt. Davon zeugen seine Misserfolge beim Prix de Rome - einem renommierten Kunstwettbewerb - und seine zögerliche Beziehung zu seiner grossen Liebe Misia (Doria Tillier). Die Absicht des Films wird erst nach 45 Minuten deutlich. Die Regisseurin, die zuvor die Geschichte von Coco Chanel verfilmt hatte, verliert sich in dialoglastigen und alltäglichen Szenen, die nicht sehr interessant sind. Ist Anne Fontaine ein Opfer ihrer eigenen Thematik geworden? Ihr Film wirkt unausgewogen und in der ersten Stunde sogar einschläfernd. Vielleicht haben die sich wiederholenden Noten des Bolero ihren Film hypnotisiert.

16.05.2024

2.5

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