Menus Plaisirs – Les Troisgros Frankreich, USA 2023 – 240min.

Filmkritik

Kulinarische Ausschweifungen

Théo Metais
Filmkritik: Théo Metais

Die Dokumentarfilmlegende Frederick Wiseman richtet seine Kamera auf die berühmte Familie Troisgros. Das Ergebnis ist ein schmackhaftes Werk, das der Arbeit des Filmemachers treu bleibt.

Seit drei Generationen hält die Familie Troisgros ihren guten Ruf und das Ansehen ihres Restaurants in Frankreich, in der Nähe von Lyon, aufrecht. Da ist Michel, der Sternekoch, Marie-Pierre, seine Frau, und ihre Kinder César, Léo und Marion. Bei den Troisgros' ist die Gastronomie eine Familientradition. Eine Geschichte, die Michel seinen Gästen, wenn er sie am Abend begrüsst, gerne näher erläutert. Doch die Jahre ziehen vorbei und die Nachkommen des 65-jährigen Michel Troisgros sind bereit, sein Erbe anzutreten. Frederick Wiseman untersucht diese einzigartige Welt und nutzt seine Beobachtungen als Gelegenheit, um über Landwirtschaft, Ökologie, Gastronomie, das Leben und Herkunft zu meditieren.

Frederick Wiseman liebt Orte, die nur selten beleuchtet werden, und seine Kamera hat schon oft Ausgegrenzten eine Stimme gegeben. Der ehemalige Harvard-Rechtsprofessor, der 2017 den Ehrenoscar erhielt und Anfang des Jahres 94 Jahre alt wurde, unternahm immer wieder Streifzüge durch die Institutionen der Gesellschaft. Ein Weg, den er 1967 mit «Titicut Follies», einem Abbild der Gefängnisrealität in einer psychiatrischen Klinik für Kriminelle, begann und den er insbesondere in seinem Meisterwerk «Welfare» (1975) in einem New Yorker Sozialhilfebüro fortsetzte. In seiner fast 60-jährigen Karriere (und über 40 Filmen) hat uns Wiseman von der Massentierhaltung («Meat», 1976), einem Frauenhaus («Domestic Violence», 2001), einem Ghetto in Chicago («Public Housing», 1997), einem berühmten Pariser Theater («Crazy Horse», 2011) und den Buchhändler:innen im Big Apple («Ex Libris: The New York Public Library», 2017) berichtet.

Wisemans Werke sind sowohl Untersuchungen als auch Chroniken der westlichen Welt. «Menus Plaisirs - Les Troisgros» ist ein neues Kapitel in einem Werk, das manchmal uneinheitlich erscheint, aber dennoch fliessend ist und sich vor allem mit dem menschlichen Verhalten und dem Tragisch-Komischen befasst. In diesem Fall steht die Sterneküche im Mittelpunkt. Der Dokumentarfilmer spricht wie gewohnt in reduzierten, unterbrochenen Einstellungen zu uns. Und wenn die Kamera zittert, bringt sie uns zurück in die Unmittelbarkeit dessen, was gezeigt und gesagt wird.

Der Dokumentarfilm hält vier Stunden lang flüchtige Momente in der Küche und in den Gärten der Familie Troisgros fest, beobachtet ihre Geheimnisse, ihre Stimmungen, die Geschmäcker und die Protagonist:innen, die aus dem Geschehen hervortreten. Die Familie enthüllt sich in einem intimen Film, der zugleich eine Art Huldigung, Selbstreflexion und Distanzierung ist, während für Michel Troisgros bald die Zeit gekommen ist, die Schürze abzugeben. Im Sinne des Realismus nutzt der Film eine geschickte Montage, um die kulinarischen Ausschweifungen mit einer Form der erzählerischen Realität zu verbinden.

Menus plaisirs ... der Titel macht nachdenklich. Verweist er auf die Zerbrechlichkeit unseres Glückes oder ist er eine Einladung zum Genuss? Vielleicht liegt das Geheimnis von «Menus Plaisirs - Les Troisgros» genau in dieser Dualität, da die kulinarischen Institutionen vielen Umwälzungen unterworfen sind. Der Blick des ehemaligen Juristen ist weniger kritisch und dafür besinnlicher, aber er hat nichts von seiner Fähigkeit verloren, seine Mitmenschen genau zu durchleuchten.

12.02.2024

4

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