Tausend Zeilen Deutschland 2022 – 93min.

Filmkritik

Wenn auch nicht (ganz) wahr, so doch gut erfunden

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Michael Bully Herbig hat den grössten Medienskandal Deutschlands für die Leinwand aufbereitet: den Fall Claas Relotius, der seriösen Magazinen wie «Der Spiegel» notorisch erfundene Storys als Wahrheit verklickerte. Zugrunde liegt dem Film das Buch «Tausend Zeilen Lüge» von Juan Moreno, dem Journalisten, der Relotius‘ falsches Spiel 2018 aufdeckte.

Juan Romero ist auf Recherche in Mexiko, als ihm die Redaktion zur Fertigstellung seiner Reportage den gefeierten Kollegen Lars Bogenius zur Seite stellt. Romero fühlt sich brüskiert, ist auf den Job aber angewiesen. Doch als er Bogenius‘ Text zu Gesicht bekommt, wird er misstrauisch. Denn vieles darin kann unmöglich stimmen. Romero, um seinen Ruf besorgt, beginnt den Text zu überprüfen und ist bald überzeugt, dass Bogenius diesen frei erfunden hat. Doch das muss er der Redaktion beweisen …

Michael Bully Herbig greift in «Tausend Zeilen» einen der grössten Medienskandale Deutschlands auf: die Affäre um den Journalisten Claas Relotius, der diverse seriöse Nachrichtenmagazine in den Jahren vor 2018 mit zum Teil frei erfundenen Reportagen und Interviews beliefert hat. Inspiriert ist Herbigs Film vom fast gleichnamigen Buch des Journalisten Juan Moreno, der den Skandal damals aufdeckte.

Herbig hat die wahre Geschichte fiktionalisiert und auf knappe 93 Filmminuten eingestampft. Die Inszenierung seines Films ist bildstark und geprägt von einem leise komödiantischen Hang zur dramatischen Übersteigerung. Elyas M’Barek spielt den Journalisten Romero einnehmend charmant, Jonas Nay gibt Bogenius verblüffend dezent.

Tatsächlich erzählt Herbig die Hochstapler-Story weitgehend aus Sicht von dessen verzweifelt um seinen Ruf und seine Existenz kämpfenden Gegenspieler. Das macht «Tausend Zeilen» nicht schlecht, erzählt leider aber nicht, was man als Zuschauer zu gern auch erfahren hätte: Was einen notorischen Hochstapler antreibt und wieso die ganze Geschichte nicht früher aufflog.

26.09.2022

3.5

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Kommentare

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Patrick

vor 2 Monaten

Satire trifft auf Thriller verpackt mit einer imposanter Ausstattung.Darstellerisch ist es die Beste Leistung von Elyas M‘Barek.Die Story wird sehr kurzweilig erzählt und wirkt nie langweilig oder zu trocken.


Taz

vor 2 Monaten

Das passt. Bully kann viel mehr als nur Witzfilmchen (das wissen wir ja schon länger) und bietet hier einen spannenden Thriller mit gut aufspielendem Cast. Mit ein paar netten Schmunzelmomenten, aber im Gesamten schlichtweg überzeugend in Storytelling und Spannungsaufbau. Guter Film.


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