Alcarràs Spanien 2022 – 120min.

Filmkritik

Ein Familienfresko inmitten eines landwirtschaftlichen Märchens

Théo Metais
Filmkritik: Théo Metais

Die spanische Filmemacherin Carla Simón hat die Jury unter dem Vorsitz von M. Night Shyamalan mit einem Familienfresko im Herzen ihrer Obstplantagen erobert. Der Film Alcarràs kreuzt die Obsternte mit dem einzigartigen Schicksal einer gefährdeten Familie, die sich an ihr Land und ihr Handwerk klammert.Nach «Sommer 93» schöpfte die Regisseurin aus ihrer persönlichen Geschichte, um das Schicksal dieser Familie und ihrer Pfirsichbäume unweit von Zaragoza zu erzählen.

Eine Vision des ländlichen Lebens in dieser Ecke Spaniens, als die Pfirsiche keinen Gewinn mehr abwerfen und ein Landwirt ihnen anbietet, ihr Land zu teilen, um dort Solarpaneele zu installieren. Ein Leben, das vom Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) getragen wird, der sich bei der Ernte verausgabt, mit dem Patriarchen, seinem Schwager, seinen Nachkommen und ein paar Arbeitskräften, die spontan auf dem Dorfplatz angeworben wurden. In den Gassen des Obstgartens sind es drei Generationen, die gemeinsam sorgfältig die Pfirsiche pflücken, und die Grossmutter erzählt in einer Ecke des Rahmens einige Geschichten.

Ein sonnenverwöhnter Film, hier passiert nichts wirklich, und doch. «Alcarràs» öffnet sich zum Land hin, und die Kamera streicht über den Wind und das karge Gestein Kataloniens. Da sind die Kinder, die in einem 2CV-Wrack spielen, und bald wird ihr Spielplatz zerstört; wie ein Vorspiel zum Drama der Familie Sollé, die von der Abschiebung bedroht ist. Einst hatte der Grossvater keinen Vertrag unterschrieben, und der Besitzer flog weg und nahm sein Versprechen mit, das er nach dem Bürgerkrieg gegeben hatte. So leben die Sollés in Verzweiflung, sind geübt im Ernten und haben kaum die Kraft, wenn nicht sogar die Zeit, um mit den anderen in der Kooperative zu rebellieren.

Carla Simón nutzt eine bescheidene, aufmerksame, naturalistische und schlichte Regie, um dieses stille Drama zu erzählen. Diese subtile Erzählung nimmt den Charakter einer grossen Generationenparabel über die Welt der Landwirtschaft und die Krise der Bauern an. Alcarràs beobachtet sich selbst ebenso wie er sich selbst zuhört, inmitten der Kinderreime des Grossvaters und der Verzweiflung der jüngeren Schwester. Die Absurdität eines Geschwisterpaares, das sich abmüht, seine schwindende Tätigkeit aufrechtzuerhalten.

Ein Familiengleichgewicht, dessen Schicksal von vornherein besiegelt ist, das von seinen internen Streitigkeiten zerfressen wird und dessen erste Opfer die hilflosen Kinder sind. So erinnert der Film von Carla Simón an Chloé Zhao und ihre Arbeit in «The Rider». Eine ethnografische Erzählung an der Schwelle zu einer neuen Welt, deren privilegierter Zeuge der Zuschauer wird.



Übersetzt von Nicole Janssen

17.08.2022

4

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