Nobody Has to Know Belgien, Frankreich, Grossbritannien 2021 – 99min.

Filmkritik

Aus Versehen eine diskrete Romanze

Emma Raposo
Filmkritik: Emma Raposo

Die Liebe kommt manchmal, wenn man sie nicht mehr erwartet. Der belgische Schauspieler und Regisseur Bouli Lanners erzählt eine etwas andere, auf den ersten Blick zufällige Romanze, die in den weiten und prächtigen Landschaften des wilden Schottlands, abseits der Menschenmassen, zum Leben erweckt wird.

Auf der Insel Lewis lebt eine Handvoll Menschen weitab von allem. Die kleine presbyterianische Gemeinde, die von Wind und Wetter geprägt ist, sieht nicht oft Fremde an Land kommen. Phil (Bouli Lanners), der vor einiger Zeit auf die Insel kam, arbeitet für Angus (Julian Glover), einen Bauern aus der Gegend. Fasziniert von den örtlichen Bräuchen, lernt er die Bewohner kennen und lebt in dieser Umgebung, in der jeder jeden kennt und Vorurteile und Traditionen hartnäckig sind.

Eines Tages erleidet Phil einen Schlaganfall, durch den er vorübergehend sein Gedächtnis verliert. Millie (Michelle Fairley), Angus' Tochter, eine alte Jungfer, die von den Einwohnern als frigide Frau angesehen wird, nimmt ihn unter ihre Fittiche und führt ihn durch das Leben, das er nicht mehr kennt. Sie erzählt ihm, wie ihr Leben vor ihrem Schlaganfall aussah, und lügt ihn an, indem sie ihm sagt, dass sie ein Liebespaar waren. Zwischen den beiden 50-Jährigen entwickelt sich eine diskrete Komplizenschaft und eine heimliche Affäre. Doch was passiert, wenn Phil sein Gedächtnis wiedererlangt?

Der fünfte Spielfilm von Bouli Lanners, «Nobody Has to Know», spielt vor der majestätischen Kulisse Schottlands, auf einer abgelegenen Insel. Der Regisseur filmt diese grandiosen Panoramen, die durch eine wunderschöne, von erdigen Farben dominierte Fotografie von Frank van Den Eeden veredelt werden, um eine intime Geschichte zu erzählen. Ein göttliches Schmuckkästchen, das von der Existenz zweier einsamer Menschen zeugt und die Geschichte einer Begegnung und eines gemeinsamen Schicksals beherbergt, die sich im Laufe des Films wie eine Selbstverständlichkeit erweist.

Mit 56 Jahren räumt Bouli Lanners mit seinen vorherigen Projekten auf, um uns einen sensiblen Moment des Kinos zu präsentieren, eine zarte Handlung mit rührender Scham. Er vollzieht eine 180-Grad-Wende nach Filmen wie «Die Giganten» im Jahr 2012 und «Die Ersten, die Letzten» im Jahr 2016, und das ist sehr schön zu sehen und zu fühlen. Mehr noch: Das Duo, das der belgische Filmemacher mit Michelle Fairley bildet, die viele als Catelyn Stark aus «Game of Thrones» kennen, verwirrt durch seine Zurückhaltung und Nüchternheit. In einer Zeit, in der alles übermässig zur Schau gestellt wird, schwimmt Bouli Lanners gegen den Strom und das tut gut. Diese Geschichte ist keine Geschichte der grossen Gefühle, sie deutet mehr an als sie sagt, und man kann sie mehr in der Stille als in den wenigen gewechselten Worten lesen.

Die Liebesgeschichte ist einzigartig, sie wirkt wie eine zweite Chance und ein neuer Atemzug, ein letztes Aufbäumen des Lebens. Auf den ersten Blick scheint sie zufällig entstanden zu sein. Sie war eigentlich für diejenigen gedacht, die nicht mehr an die Zukunft glaubten und aufgegeben hatten. «Nobody Has to Know» lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen und die unerwartete Wendung, die das Leben nehmen kann, zu betrachten.

Übersetzung aus dem Französischen von Emma Raposo durch Zoë Bayer.

16.05.2022

4

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