CH.FILM

Adolf Muschg – der Andere Schweiz 2021 – 86min.

Filmkritik

Geschichtenerzähler und Weltenbummler

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Er zählt zu den bekanntesten Schweizer Literaten und bedeutendsten Intellektuellen seiner Heimat: der Literaturwissenschaftler Adolf Muschg. Das von subjektiven Beobachtungen und Reisen in die Vergangenheit geprägte Doku-Porträt lebt von den geistreichen Anmerkungen und der Offenheit des Porträtierten.

Die berufliche und künstlerische Karriere von Adolf Muschg ist von einer enormen Vielfalt geprägt. Der heute 88-jährige war Hochschullehrer u.a. in Deutschland und den USA, Präsident der Berliner Akademie der Künste und veröffentlichte bis zuletzt gefeierte Romane. Der biografische Film «Adolf Muschg – Der Andere» befasst sich mit Leben und Werdegang eines Mannes, dessen Kindheit und Jugend vom frühen Verlust des Vaters und der depressiven Erkrankung der Mutter geprägt wurde.

Muschg ist seit jeher ein Mensch, der sich in gesellschaftliche Diskussionen einmischt, Denkanstösse gibt und sich zu politischen Zeitfragen äussert. Das brachte ihm immer wieder Kritik ein, etwa sein Vergleich von Auschwitz mit der sog. «Cancel-Culture» im vergangenen Jahr. Doch Muschg ist es wichtiger kluge, reflektierte Streitdebatten anzuregen als stillschweigend die Entwicklungen in der Welt einfach so hinzunehmen.

Über letztere äussert er sich immer wieder in «Adolf Muschg – Der Andere», etwa über die Gefahr der Kernenergie im Rahmen einer Japan-Reise. Die Reise ist für Weltenbummler Muschg ein Trip in die Vergangenheit und er lebte und lehrte doch viele Jahre. Nicht zuletzt durch den Besuch früherer Wohn- und Wirkungsstätten kommt man Muschg sehr nah. Gemeinsam mit Regisseur Erich Schmid geht es in den Heimatort Zollikon, nach Berlin oder nach Schiers. Dort besuchte Muschg das strenge evangelische Internat, in dem man ihm Gottesfürchtigkeit lehrte – und «normale» jugendliche Sehnsüchte sowie emotionale menschliche Empfindungen gleich welcher Art, ob Heimweh oder Sexualität, nicht geduldet wurden.

An all diesen Orten berichtet Muschg auf die ihm so typisch besonnene, stets etwas verschmitzte Art von wichtigen Vorkommnissen und Anekdoten. Denn Geschichten erzählen – das kann er. Dazu zählt auch jene rund um das schwierige Verhältnis zu seinem bibeltreuen Vater, der in einem Regionalblatt gegen die ersten Anzeichen weiblicher Emanzipation anschrieb. Ausgenommen durchdacht und hintersinnig sind auch Muschgs Äusserungen, wie er sich selbst die Entstehung seiner heftigen Hypochondrie erklärt.

Schmids ungeschliffene, ungekünstelte Handkamerabilder lassen zudem eine angenehme Nähe zum Porträtierten entstehen. Der Regisseur selbst greift nicht ins Geschehen ein und lässt Muschg das Tempo und die Dramaturgie weitestgehend selbst vorgeben. Spannend wäre gewesen, hätte Schmid den Protagonisten noch etwas mehr auf frühere streitbare, stark kritisierte Äusserungen angesprochen. Und ihn danach gefragt, ob und wie sich seine Positionen sowie Haltungen mittlerweile geändert haben.



13.05.2022

3.5

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