I Am Greta Schweden 2020 – 97min.

Filmkritik

Porträt einer ungewollten Klima-Ikone

Filmkritik: Walter Rohrbach

Der sehenswerte Dokumentarfilm über Greta Thunbergs Werdegang zur Hoffnungsträgerin der Klimabewegung ist ein erstaunlich berührendes Porträt, das neben der Schilderung der sonnigen Tage des Aktivismus und Protestes den Blick auch auf die grau-bewölkten Kehrseiten dieser Rolle lenkt.

Der Wind des Atlantiks wirbelt Gretas blonde Mähne wild umher, aber sie ist ja auch nicht zum Spass an Bord der Rennjacht: Ziel sind die Vereinten Nationen in New York. Wie um Gottes Willen konnte es aber so weit kommen, dass ein 15-jähriger Teenager eingeladen wird, um zu den mächtigsten Regierungsführern dieser Welt zu sprechen? Genau darum geht es in I Am Greta.

Regisseur Nathan Grossmann ist seit dem Anfang von Gretas Protesten dabei: Die ersten Aufnahmen stammen von der Zeit, als Greta vor dem schwedischen Parlament noch gänzlich unbekannt ihren Schulstreik für das Klima begann. Aufgewühlt von der wissenschaftlichen Evidenz zur Klimaentwicklung, entschloss sich das eigentlich scheue Mädchen aktiv zu werden. Zunächst agierte Greta allein – nach einigen Medienberichten aber schlossen sich weitere Jugendliche dem Protest an.

Was folgte, war eine Entwicklung hin zu einer globalen Bewegung – und dies in nur wenigen Monaten. Das alles gipfelte darin, dass Greta zur Gallionsfigur der Klimabewegung wurde. Die Skizzierung dieser Entwicklung ist die grosse Stärke des Films und macht ihn absolut sehenswert. Der Regisseur konnte Greta auf ihren Reisen zu Demonstrationen, Konferenzen und Regierungsempfängen durch halb Europa begleiten. Der Dokumentarfilm zeigt einen verletzlichen Teenager, dem – eher erstaunt als erfreut – plötzlich unzählige Prominente die Hände schüttelten: von Papst Franziskus über Emmanuel Macron bis hin zu Arnold Schwarzenegger.

Entstanden ist ein intimes und vielfarbiges Porträt einer interessanten Persönlichkeit. Wir sehen eine schüchterne Schülerin mit Asperger-Syndrom, die bereits eine Depression bewältigen musste. Ebenso gewährt der Film erstaunlich viele private Einblicke, die berühren und die emotionale Bandbreite ihrer ausserordentlichen Situation aufzeigen, welche von leicht tanzend und laut lachend bis hin zu erschöpft weinend reicht.

All dies zeigt sehr eindrücklich die Sensibilität einer noch immer sehr jungen Person, auf welche viel Negatives projiziert wird. Natürlich könnte man in der Dokumentation den Personenkult von Greta noch kritischer und direkter diskutieren, und ihre Darstellung wirkt vereinzelt etwas allzu heroisch. Grossmann ist aber trotzdem eine erfreulich differenzierte Skizzierung einer Person gelungen, über die viel geschrieben und debattiert wurde – nun kommt man ihr mit Hilfe der filmischen Aufnahmen noch ein bisschen näher.



30.09.2020

4

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