CH.FILM

Wer sind wir? Schweiz 2019 – 97min.

Filmkritik

Wenn das Leben ein anderes ist

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Edgar Hagen begleitet zwei beeinträchtigte junge Menschen ein Stück durch ihr Leben und versucht ihren Zugang zur Welt und der Welt Zugang zu ihnen zu ergründen.

Zwei junge Menschen: Jonas, geboren 2005, und die neun Jahre ältere Helena. Beide sind seit Geburt schwer beeinträchtigt. Helena leidet an einer seltenen Krankheit, mit der eine starke Epilepsie einhergeht. Sie lebte nach der Trennung ihrer Eltern vorwiegend bei ihrer Mutter und zog 2015 in eine betreute Wohngruppe. Jonas wohnt mit seinen Eltern in Böblingen und besucht seit seinem 12. Lebensjahr eine Schule, die Inklusion praktiziert. Er leidet an pontozerebellärer Hypoplasie Typ 2, sein jüngerer Bruder hat die gleiche Krankheit; seit der Geburt von Felix, heisst es im Film von Edgar Hagen lapidar, wisse man, dass PCH2 pränatal nicht diagnostizierbar ist.

Doch wie geht man damit um, dass das eigene Kind anders ist? Dass es andere Bedürfnisse hat und rund um die Uhr Betreuung braucht? Was tut man mit dem Wissen darum, dass es nie laufen, sprechen oder selbständig durchs Leben gehen wird? Und was geschieht, wenn man begreift, dass dieser Umstand die eigene Biografie in einem Mass verändert, wie man sich das nie vorgestellt hat? Diese und ähnliche Fragen schwingen in Edgar Hagens Langzeitstudie latent mit.

Zentraler aber, weil allgegenwärtig, ist die Frage der Kommunikation. Wie kommuniziert man mit Menschen, die nicht sprechen können und von denen man nicht weiss, inwiefern sie der Wort-Sprache mächtig sind? Wie findet man heraus, was sie brauchen und was sie wollen?

Helenas Mutter, Künstlerin von Beruf, hat, um ihre Tochter zu verstehen, diese zu filmen begonnen. Eng begleitet wird Helena zudem von der Psychologin Barbara Senckel, die in der Unterstützung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen auf die Methode der „entwicklungsfreundlichen Beziehung“ setzt, im Heim schliesslich lernt sie sich mittels Piktogrammen zu verständigen.

Jonas hingegen versteht Aussenstehende und versucht sich selbst mitzuteilen, für sein Umfeld ist er jedoch kaum zu verstehen. In der Schule hat er einen einen Computer, den er mittels Augen steuern kann, und seine Kameraden lernen, wie es ein Mädchen formuliert, mit Jonas „eine neue Art von Sprache“.

Das sind faszinierende Beobachtungen, auch ist Wer sind wir? feinfühlig gemacht. Doch es fehlt dem Film der Zusammenhang – und wirklich nah kommt der Regisseur seinen Protagonisten nicht. Tatsächlich hat Hagen weniger ein Film mit, als über Jonas und Helena gemacht. Was per se schlecht nicht ist, aber das "Wir" des Titels Lügen straft.

30.01.2020

3

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Kommentare

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Dryaden

vor 7 Tagen

Ein einfühlsamer hoch politischer Film. Zeigt Ausgrenzung und wie gesellschaftliche Öffnung unter extremen Umständen gelingen kann. Wieder ein Film von Edgar Hagen der den Schritt von Menschen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft aufzeigt und dadurch gesellschaftliche Stigmas durchbricht. Dieser Film ist ermutigend und mitreisend.Mehr anzeigen


Nina

vor 21 Tagen

"Es ist eine Sprache der Augen..."
Ein vielleicht 10-jähriges Mädchen spricht im Film darüber, wie es Kontakt zu seinem schwer behinderten Mitschüler aufnimmt. Sie sagt, man müsse Vertrauen in den jeweiligen Menschen finden, um das zu können. Wenn die Gesellschaft sich nur ein kleines Stückchen von dem abschneiden würde, was dieses Mädchen verstanden hat, hätten wir viel gewonnen - nicht nur in der Begegnung mit Behinderten, sondern im täglichen Umgang miteinander. Beeindruckend, echt und nah. Gänsehaut pur. Hoffentlich ist der Film auch für "Laien" verständlich genug.Mehr anzeigen


AnneS

vor 21 Tagen

Der wunderbare Film von Edgar Hagen: „Wer sind wir“ führt uns mit eindrucksvollen, einfühlsamen und sprechenden Bildern und Dialogen zu einem zu tiefst menschlichen und uns alle betreffenden Thema. „Menschen begegnen einander. Wie lernen sie einander zu verstehen und vom anderen verstanden zu werden?“.
Die Zuschauer werden mitgenommen in die Welt der beiden Jugendlichen mit Behinderung, Helena und Jonas, deren Eltern und deren sozialem Umfeld. Wie entsteht Lebensqualität für Menschen, die sich schwer verständigen können, aber wie jeder Mensch das Bedürfnis haben nach verstanden werden?
Die Lebensqualität entsteht durch Menschen, die sich um adäquate Kommunikationsformen, um adäquate „Sprachen“ bemühen, damit Kommunikation gelingen kann.
Dieses Einlassen auf das Verstehen von Helena und Jonas verändert aber auch auf positive Weise die Menschen, die mit ihnen umgehen. Diese Menschen gewinnen ganz viel an eigener Kommunikationsfähigkeit, an Lebenserfahrung und Lebensreife.
Es ist zu wünschen, dass Menschen sich durch diesen Film neugierig und offen auf den Weg machen, gerade andersartigen Menschen zu begegnen und damit für sich und andere zur Lebensbereicherung werden.Mehr anzeigen


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