Nuestro tiempo Mexiko 2018 – 173min.

Nuestro tiempo

Filmkritik

Vom Ringen um die Liebe

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Ester und Juan sind ein Paar, das in einer ländlichen Gegend unweit von Mexiko-Stadt eine glückliche und offene Beziehung führt. Doch als Ester einen anderen Mann näher kennenlernt und dies ihrem Mann zunächst verschweigt, weiss dieser nicht, wie er mit der Situation umgehen soll…

Das Paar lebt mit seinen Kindern auf einer Ranch, auf der Kampfstiere gezüchtet werden. Während Ester die Farm managt, kümmert sich Juan, der sich als Dichter einen Namen gemacht hat, um die Zucht der Stiere. Schon bald aber nimmt ihr harmonisch wirkendes Leben eine Wendung, die ihre Beziehung vor eine Zerreissprobe stellt: Der Amerikaner Phil arbeitet nämlich nicht nur für Juan, sondern beginnt hinter dessen Rücken auch eine Affäre mit niemand Geringerem als Ester.

Spätestens seit Stellet Licht (2007) und Post Tenebras Lux (2012) ist mit eindringlichen Filmen des autodidaktischen Regisseurs Carlos Reygadas zu rechnen. Gleich beide Werke brachten ihm den begehrten Jury-Preis bei den Filmfestspielen von Cannes ein. Mit Nuestro Tiempo legt der Mexikaner nun ein Werk vor, in dem er nicht nur hinter, sondern als renommierter Dichter und Stierzüchter auch vor der Kamera steht, während seine Partnerin Natalia López (Heli) die Rolle der Farm-Managerin Ester einnimmt – und passend dazu auch deren Kinder als Nachwuchs des Paares im Film zu sehen sind. Inwieweit die Handlung von Nuestro Tiempo eine autobiografische Färbung aufweisen mag, wie beispielsweise bei Post Tenebras Lux, ist unklar. Der aussergewöhnliche Cast begünstigt aber, insbesondere im Fall Carlos Reygadas, authentisches Schauspiel.

Sein über dreistündiges Werk präsentiert sich als eine zuweilen be- und beinahe schon erdrückende Reflexion über die Liebe, deren Möglichkeiten, aber auch Grenzen. Auf der anderen Seite ermöglicht Nuestro Tiempo aber auch einen intensiven Blick auf ein Geflecht aus Heimlichtuerei, Kontrollwahn und Loyalität, in dem vieles zu gewinnen, doch auch alles zu verlieren ist. Tatsächlich lässt sich die Geschichte rund um Ester und Juan aber schnell erzählen, der Plot zeichnet sich in seinen groben Zügen bereits sehr früh ab, und der weitere Verlauf des Geschehens bietet keine grösseren Überraschungen, weswegen die über dreistündige Spielzeit trotz bester Absichten übertrieben erscheint. Dem Zuschauer bleibt derweil nichts anderes übrig, als über mehrere Stunden hinweg dabei zuzusehen, auf welche Art und Weise dem Filmende wohl entgegengesteuert wird.

Punkten kann der Western durch seine sorgfältige Inszenierung und eindrücklichen, zuweilen aber auch brutal anmutenden Bildern des Lebens auf der Ranch. Reygadas Bestreben, mit Nuestro Tiempo den Moment, in dem man nicht mehr geliebt wird, oder zumindest den Eindruck hat, nicht mehr geliebt zu werden, erfahrbar zu machen, ist ihm auf jeden Fall gelungen. Doch ob diese Erfahrung in dieser Form und bei einer mehrstündigen Filmdauer vielen zusagen dürfte, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Trotz der offenkundigen Quintessenz, dass eine alle Beteiligten einer Beziehung ansprechende Form der Kommunikation, die Basis _jeder_ Verbindung sein sollte, dürfte so manch ein Kinogänger den Saal zwar nicht zwingend mit mehr Beziehungs-Know-How, dafür aber mit imposanten filmischen Eindrücken von in Nebelschwaden ringenden Stieren und dem einen oder anderen Anstoss zur Reflexion verlassen.

23.04.2019

3

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Kommentare

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m-milhoes

vor 6 Monaten

Viel zu langatmig und berührt einem nicht wirklich. Die Komplexizität der Liebe in einer Beziehung und die schönen Landschaftsaufnahmen sind nicht genügend für einen guten Film.


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