CH.FILM

Glaubenberg Schweiz 2018 – 120min.

Glaubenberg

Filmkritik

Cry me a river

Filmkritik: Locarno Film Festival

Glaubenberg von Thomas Imbach, der einzige Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb des Locarno Festivals, ist ein Film über die unerwiderte Liebe einer Schwester zu ihrem Bruder. Der Plot, der sich zunehmend in das antike Vorbild von Ovid flüchtet, geht, als sich die unerwiderte Liebe in einen Tränenfluss auflöst, wortwörtlich den Bach runter.

Filmkritik von Katja Zellweger

Nahaufnahmen sind in aktuellen fiktionalen Werken ein beliebtes Mittel zur Einfühlung in die Hauptfigur. Man denke an die Serie «Handmaid’s Tale», in der gefühlt mehr als die Hälfte der Zeit Elisabeth Moss im Close-up ihre Tränen vergiesst, die Klavikula kritisch zucken lässt oder abgrundtiefen, sarkastisch triefenden Hass ausdrückt. Ohne ein Wort zu sagen, versteht sich. Thomas Imbach arbeitet in seinem neuem Film Glaubenberg ebenfalls mit dem Close-up. Sein erklärtes Ziel ist es, das Innenleben der Protagonistin Lena (Zsofia Körös) darzustellen. Sie ist heftig in ihren älteren Bruder Noah (Francis Meier) verliebt. Lena ist folglich oft, sehr oft, in Grossaufnahme zu sehen. Doch mit der Tiefe des nach aussen fühlbaren Innenlebens will das trotzdem nicht so klappen. Im Gegenteil: die Hauptfigur des Films wirkt teilweise platt und eindimensional, was aber nicht unbedingt mit den schauspielerischen Fähigkeiten zu tun hat. Stellenweise scheint die Figur Lena auch zu erwachsen und kontrolliert für einen pubertierenden Teenager.

Imbach will Lena's Wahn aufzeigen, das wird vermittelt mit dem zu wenig ausgereizten, aber spannenden Stilmittel ihrer Fantasien. Doch wahnsinnig packen tut die Geschichte nicht. Warum? Zunehmend wird Noah zur heimlichen Hauptfigur, obwohl die Kamera nach wie vor auf Lena haftet. Der stille, schöne junge Mann merkt, wie die Schwester ihm zu nahe kommt, wehrt ihre Stalkereien aber sehr unauffällig ab: er geht in Izmir als Archäologe arbeiten, zieht aus dem Zürcher Zuhause aus und schreibt ihr nicht zurück. Laut wird er nie. Dennoch lässt er physische Nähe mit ihr immer wieder zu. Dem Film vorangestellt sind folgende Zeilen, die einer Erklärung nahe kommen: «Beruht auf wahren Figuren. Inspiriert von einer Legende».

Ist dieser Film also, wie auch Interview-Äusserungen von Imbach denken lassen, der Versuch einer persönlichen Aufarbeitung? Hat, anders gefragt, der Bruder eigentlich etwas dazu zu sagen? Oder flüchtet sich hier eine Erzählung, die zu autobiografisch zu werden droht, in eine Sage Ovids? Am Ende bleibt der Eindruck, dass man hier einfach einer Geschichte über eine unerwiderte, erste Jugendliebe zusieht, die zufälligerweise unter demselben Dach passiert. Der Skandal oder die Gefahr des Inzestuösen wabert zwar leicht über der Geschichte, richtig gefährlich wird es selten. Ausser in einer der mutigsten Szenen – nämlich dann, wenn Lena mit Enis schläft, ihn aber dabei ein T-Shirt Noahs zu tragen zwingt. Als Enis das sogar bei einem Familienessen allen um den Kopf haut, ist die Überraschung gross. Aber der richtige Knatsch danach bleibt völlig aus.

In Ovids Erzählung liebt Byblis ihren Bruder Kaunos so sehr, und ist die Liebe so unmöglich, dass die Tränen nicht versiegen – die Heilung ihres Zustands geht also den Bach runter. «Cry me a river» hat Justin Timberlake einmal gesungen, dessen jugendlicher, blonder Lockenkopf an Noah erinnert. So endet auch Imbachs Glaubenberg mit einem Fluss aus den Tränen beider Geschwister und Lenas Kleid, das darin davonschwimmt. Mit ihm leider auch die Möglichkeit einer filmischen Erzählung, die überzeugt.

Der vorliegende Artikel entstand im Kontext der Locarno Critics Academy.

09.08.2018

2

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

filmmann

vor 6 Tagen

Ich habe den Film in Locarno gesehen. Miserabel...
Nullwert!


Mehr Filmkritiken

Mission: Impossible - Fallout

Mamma Mia! Here We Go Again

The Equalizer 2

Hotel Transylvania 3: A Monster Vacation