CH.FILM

Vakuum Schweiz 2017 – 85min.

Vakuum

Filmkritik

Mit voller Wucht

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Das Thema HIV ist auch 2018 noch immer ein Thema von großer Relevanz, auch wenn die Zahlen der Neuinfektionen in den letzten Jahrzehnten stetig sinken. Trotzdem ist HIV weiterhin nicht heilbar, und das gesellschaftliche Stigmata, mit dem die Erkrankten zu kämpfen haben, zeigt ebenfalls, wie viel Aufklärungsarbeit auch heute noch geleistet werden muss. Mit Vakuum hat sich Regisseurin Christine Repond diesem schwierigen Thema angenommen und es direkt in der Mitte der gutbürgerlichen Gesellschaft platziert. Und dies tut sie mit enormer physischer Wucht.

Meredith (Barbara Auer) und André (Robert Hunger-Bühler) leben ein gut abgesichertes Leben. Doch während der Vorbereitungen für ihren 35. Hochzeitstag bekommt die bildungsbürgerliche Idylle einen Riss: Bei einer Routineuntersuchung erfährt Meredith, dass sie HIV-positiv ist. Als Überträger kommt nur ihr Mann André in Frage. Durch Zufall findet sie heraus, dass er sie schon seit langer Zeit mit Prostituierten hintergeht. Sie konfrontiert André mit der Diagnose und wirft ihn aus dem Haus. Doch schon bald spürt Meredith, dass sie die Einsamkeit kaum erträgt. Sie versucht etwas Halt zu finden, indem sie zu Selbsthilfegruppen geht, doch auch hier fühlt sie sich mit ihrem Schicksal allein. Sie gestattet es daher André, in das gemeinsame Haus zurückzukehren, doch kann sich die Liebe von so einem Vertrauensbruch erholen?

Vakuum ist ein beeindruckender Schauspielerfilm, Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler brillieren hier auf der Höhe ihres Könnens, aber es ist vor allem Barbara Auer, die sich der direkten und kompromisslosen Inszenierung Reponds ausliefert. Sowohl emotional als auch körperlich werden hier die Grenzen übertreten, die Streitigkeiten, der Sex, die Verzweiflung – all das bringt Repond ungeschönt auf die Leinwand. Dies wird potenziert durch die gelungene Kameraarbeit von Aline László, deren klare Bilder trotz intimer Nähe niemals voyeuristisch daherkommen, sondern stets eine respektvolle Distanz wahren.

Es ist diese Unmittelbarkeit, die dem Film seine emotionale Sogkraft verleiht, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken. Denn Vakuum ist mehr als eine tragische Krankheitsgeschichte, es ist die präzise Studie einer Beziehung, die über die Jahre in der alltäglichen Fassade erstarrt ist, die ein harmonisches Miteinander repräsentieren soll, wo vor allem Gewohnheiten die Emotionen überlagern. Und es ist das Porträt einer Frau, die, nachdem sie sich jahrzehntelang für ihre Familie aufgeopfert hat, plötzlich ihre Rolle im Leben und ihre Position innerhalb der Familie überdenken muss. Ein bewegender Film, der auf jeglichen Pathos verzichtet und schmerzhaft ehrlich daherkommt.

06.06.2018

5

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