Leaning Into the Wind Deutschland, Grossbritannien 2017 – 93min.

Leaning Into the Wind

Filmkritik

…und dann verfliegt das Herbstlaub im Wind

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

16 Jahre nachdem er mit Rivers and Tides bewies, wie aus dem Dialog zweier Künstler etwas wundersam Drittes entsteht, stellt Thomas Riedelsheimer erneut einen Film über den Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy vor. Obwohl diesem der Reiz des ersten Males fehlt, betört er in seiner poetischen Bildlichkeit.

Der britische Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy (geboren 1956) arbeitet mit allem, was die Erde bietet: mit Wind, Wasser, Sand und Stein. Dem Fliessen des Flusses, den ziehenden Wolken und Tropfen, die vom Himmel fallen. Einige seiner Kunstwerke, etwa die Silhouetten-Figuren, die sich bilden, wenn er sich bei einsetzendem Regen wo immer er steht – auf einer Strasse, einem Platz, mitten in einer Stadt – auf den Boden legt, schreiben sich ein in die Flüchtigkeit des Moments. Andere, wie seine „Sleeping Stones“ oder die Steinschlange in einem Bach, werden zur Spur in ihrer Umgebung. So oder so ist die Zeitlichkeit das bestimmende Moment von Goldsworthys Werk. Es war das schon 2001, als sich Thomas Riedelsheimer zum ersten Mal mit dem Natur-Künstler auseinandersetzte; den bezeichnenden Untertitel „Working With Time“ trägt der damals entstandene Rivers and Tides und zeigt, wie aus der Auseinandersetzung zweier Künstler kreativ Neues entsteht.

Als sie sich die beiden nach zehn Jahre erneut begegnen, beschliessen sie, das Experiment zu wiederholen. Einiges in Goldworthys Leben hat sich verändert: Er hat sich von seiner ersten Frau getrennt, seine ersten Kinder sind erwachsen. Goldsworthy hat wieder geheiratet, hat einen kleinen Sohn, man erfährt es am Rande nur. Seine Tochter Holly, in Rivers and Tides noch ein Kind, hat Kunst studiert und arbeitet nun mit ihrem Vater. Sie sei besser als er, arbeite präziser, sagt Goldsworthy. Er schätzt die kreative Zusammenarbeit mit einer – auch seelisch – Verwandten, sie ermöglicht einiges, was ihm allein nicht möglich war: Etwa nicht nur eine, sondern beide Hände mit Blütenblättern zu bekleben, bevor er sie ins fliessende Wasser hält.

Goldsworthy ist oft unterwegs. Nicht nur in Schottland, wo er wohnt, sondern auf der Welt. Er besucht ehemalige Wirkungsstätten, schafft Neues: in Gabun, den USA, Spanien. Riedelsheimer begleitet ihn, taucht tief ein in sein Universum. Und wie schon in Rivers and Tides entsteht dabei im Moment, in dem die Kamera das Geschehen dokumentiert, eigenständig Neues, wird der Film selber zum Kunstwerk. Und wenn sich Goldsworthy dann mühsam durch eine Hecke hangelt, statt auf dem Weg zu gehen, er minutenlang im schwankenden Wipfel eines Baumes verharrt oder sich mit dem ganzen Körper gegen den Sturmwind stemmt, eröffnen sich dem Zuschauer auch neue Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen.

26.02.2018

5

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