Wild Deutschland 2016 – 97min.

Filmkritik

Verwildert

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Der Wolf gilt als wildes, ungezähmtes Wesen, ein Mythos in Sagen und Märchen. Die Schauspielerin Nicolette Krebitz macht ihn in ihrem Spielfilm Wild zum Objekt der Begierde. Die junge Frau Ania verliebt sich in einen Wolf, fängt ihn ein und macht ihn zu ihrem Gefährten. Eine radikale und aussergewöhnliche Liebesgeschichte.

Er geistert durch zahllose Sagen, Fabeln, Mythen und Märchen. Wer vom bösen Wolf spricht, denkt an das verirrte «Rotkäppchen». In Hermann Hesses Roman «Steppenwolf» wird er zur Metapher für einen animalisch, triebgesteuerten einsamen Menschen. In Horrorgeschichten mutiert er zum Werwolf, Inkarnation einer tragischen Verwandlung. Bis heute spiegeln sich im Wolf zwiespältige Gefühle und Ängste der Menschen. Einerseits bewundert man ihn wegen seiner Ungebundenheit und Stärke, andererseits fürchtet man seinen Raubtiercharakter. Er wurde und wird verteufelt, dämonisiert, wurde im Alpenraum ausgerottet. Seit den Achtzigerjahren ist der Wolf zurückgekehrt. Man schätzt, dass heutzutage rund 1000 Wölfe im Alpenraum existieren.

Und so ein einsamer (?) Wolf streunt durch einen Park in Halle an der Saale. Auf ihrem Arbeitsweg begegnet Ania (Lilith Stangenberg) diesem wilden Gesellen – und ist fasziniert. Die junge Frau lässt diese Begegnung nicht mehr los. Sie pirscht ihm nach, versucht ihn mit Fleischbrocken und lebenden Kaninchen zu locken. Sie liest davon, wie man Wölfe mit wehenden Lappen an einer Leine einst überlistete. Entging ein Wolfe dieser Falle, sprach man davon, dass er durch die Lappen gegangen ist. Dies wurde zum Sprichwort. Mit Hilfe asiatischer Arbeiterinnen hängt Ania Stofffetzen im Park auf, kann den Wolf anlocken und betäuben. Sie schafft das Tier in ihre Plattenbauwohnung und nähert sich ihrem Mitbewohner Schritt für Schritt. Ania gewinnt das Vertrauen des Wolfes und verwildert geradezu.

Für ihren jüngsten Spielfilm Wild hat sich Nicolette Krebitz eine radikale Geschichte ausgedacht und realisiert. Eine Frau, unaufdringlich, aber intensiv gespielt von Lilith Stangenberg, verliebt sich in einen Wolf, wird zur Jägerin und Wölfin. Ihre Hingabe an das wilde Tier und die gewonnene Zuneigung des gefangenen Wolfes münden in einem Akt der Befreiung und Selbstfindung. Diese Entwicklung erzählt Krebitz mit grosser Sensibilität – ohne reisserische Ambitionen. Selbst die erotische Traumsequenz, in der der Wolf ihrem Menstruationsblut nachspürt, wirkt natürlich. Vieles bleibt ausgespart und den Zuschauern überlassen. So setzt auch die Musik der Band Terranova, in der Nicolette Krebitz Mitglied ist, gekonnt akustische Akzente. Wild beeindruckt durch seine ungeschminkte Konsequenz, seinen Mut und Hintersinn. Sie habe einen Film über die menschliche Natur machen wollen, sagt die Autorin. Das ist ihr beeindruckend gelungen. Wild ist eine Parabel auf unsere Zivilisation und unser (gestörtes) Verhältnis zur Natur, über reale Hoffnungen und Selbstfindung.

23.05.2016

5

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