United States of Love Polen, Schweden 2016 – 106min.

Filmkritik

Leiden an der Liebe

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Aufbruch nach dem Zusammenbruch der UdSSR um 1990: In Polen atmet man Freiheit. Eine Gesellschaft im Umbruch, im Übergang. Tomasz Wasilewski schildert in seinem Spielfilm, wie vier Frauen unabhängig voneinander Liebe, Halt und Erfüllung suchen.

Die Berliner Mauer - Ausdruck und Mahnmal des Kalten Krieges - ist gefallen. Das kommunistische Reich der UdSSR bröckelt auseinander. In Polen schnuppert man um 1990 Freiheitsluft. Veränderungen liegen in der Luft. Regisseur und Autor Tomasz Wasilewski beschreibt vier Frauen auf der Suche nach ihrem Glück, schildert ihre Hoffnungen, ihre kleinen Schritte der Befreiung.

Agata (Julia Kijowska) ist seit 15 Jahren verheiratet, scheint ein perfektes Leben mit ihrer Tochter und ihrem Mann zu führen, der sie liebt. Und doch fühlt sie sich unglücklich, unerfüllt, leer und sucht die Nähe eines Priesters. Die Schuldirektorin Iza (Magdalena Cielecka) führt quasi ein Doppelleben – als Respektsperson im Dienst und als ausgenutzte Geliebte eines verheirateten Arztes. Die Lehrerin Renata (Dorota Kolak) sucht die Nähe, die Zuneigung der regionalen Schönheitskönigin Marzena (Marta Nieradkiewicz), die von einer grossen Karriere träumt. Sie alle haben eines gemeinsam: die Sehnsucht nach Erfüllung, Liebe, das Gefühl der Leere, des Schmerzes und der innerer Einsamkeit.

Wasilewski zeichnet kein optimistisches, rosarotes Bild der Gegenwart und Zukunft, im Gegenteil. Seine Figuren begehren und scheitern, jede auf eigene individuelle Weise. United States of Love nennt er sein vielschichtiges Frauendrama, in Berlin 2016 mit dem Silbernen Bären fürs Drehbuch ausgezeichnet. Eindrücklich die Darstellerinnen, authentisch die Bilder (Kamera: Oleg Mutu) und düster der Sound (ohne Musikbegleitung). Die Schauplätze, gedreht wurde in Kleinstädten bei Warschau, sind trist wie die Gefühlswelt der Frauen. Wasilewski weiss in die Seelenwelt von Menschen einzutauchen. Das hat er bereits mit seinem zweiten Spielfilm Floating Skyscrapers (2013) bewiesen, in dem Leistungsschwimmer Kuba die Liebe zu einem Schönling entdeckt und sich selbst findet. Wasilewski scheut sich nicht, Tabus zu brechen, und umreisst mit den «Vereinigten Staaten der Liebe», die es eben nicht gibt, Hoffnungen, die stranden.

13.01.2017

4

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