CH.FILM

Peripherie Schweiz 2016 – 81min.

Filmkritik

Ein Tag, eine Stadt, fünf unmoralische Angebote

Zurich Film Festival
Filmkritik: Zurich Film Festival

Die fünf voneinander unabhängigen Episoden finden alle an einem Tag, dem Schweizer Nationalfeiertag in Zürich statt. Jede Episode trägt den Vornamen des Protagonisten, der sich – getrieben von seinen Emotionen – in eine aussichtslose Situation hineinreitet. Eine dieser Geschichten handelt von einem jungen Vater mit chilenischem Migrationshintergrund, der getrennt von seiner damaligen Partnerin, versucht seine eigene Tochter im Affekt nach Chile zu entführen, um dort ein neues Leben mit ihr aufzubauen.

Das Motiv der Flucht tritt auch bei der nächsten Geschichte von drei Linksradikalen auf, die mit einem geplanten Bombenanschlag auf die Europaallee ein politisches Statement gegen die Gentrifizierung setzen wollen. Nach der Positionierung des Sprengsatzes gelingt es ihnen unbemerkt die Flucht zu ergreifen, bis einer von ihnen moralische Bedenken hat das Leben eines unschuldigen Securitymitarbeiters zu gefährden.

Etwas weniger extrem erscheint die Geschichte eines pflichtbewussten Försters, der den Sohn seines Arbeitgebers erwischt, wie dieser sein Jagdgewehr entwendet. Anstatt diesen aber wie üblich bei der Polizei anzuzeigen, erhält der Förster ein unmoralisches Angebot vom Vater, respektive seines Arbeitgebers. Und da gibt es noch die junge Polizistin Sonam, die gleich an ihrem ersten Tag eine Entscheidung treffen muss, die entweder zu ihrer sofortigen Entlassung oder zur Vertuschung ihres Fehlers auf Kosten eines Kameraden führt.

Am meisten berührt aber das Leid der Ukrainerin Sonja, die ihrer Fernliebe aus Zürich einen Überraschungsbesuch abstattet um von ihrer Schwangerschaft zu erzählen und vor hat ein neues gemeinsames Leben in der Schweiz aufzubauen, unwissend, dass der gleiche Mann Frau und Kind hat. In allen fünf Episoden befinden sich die Protagonisten in einem Dilemma, ob sie das unmoralische Angebot annehmen oder ihrer eigenen Überzeugung treu bleiben sollen.

Von einem vorgegebenen Leitthema der Gewalt entwickelten sich drei Motive: Wut, Angst und Selbstanerkennung. Obwohl jeder Protagonist mit einer anderen Problematik zu kämpfen hat, gibt es ähnliche Wendepunkte der Gefühlslagen und hier wechselt jeweils der Schnitt zur nächsten Episode. Den Jungregisseuren ist es somit gelungen, die Szenenwechsel quasi nahtlos umzusetzen und die Spannung stets aufrecht zu erhalten. Der Zuschauer verliert dabei kaum den Überblick über die Erzählstränge. Auch der vermehrte Einsatz von Handkameras lässt die Zuschauer die Hauptfiguren auf Schritt und Tritt mitverfolgen und somit noch tiefer ins Innere hineinblicken. Ebenso vermittelt die dynamische Kameraführung zusätzliche Hinweise zur labilen Gefühlslage der Protagonisten. Eine beeindruckende filmische Inszenierung von fünf Schicksalen, die durch das vertraute Setting im urbanen Zürich noch mehr Nähe zu den Motiven und den Figuren schafft.

Paulo Zenz

04.10.2016

4

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