Grüsse aus Fukushima Deutschland 2016 – 108min.

Filmkritik

Tristesse in Schwarzweiss

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Alles beginnt mit der Grossaufnahme eines Mundes. Eines Frauenmundes. Er gehört der Protagonistin, die sich in den bedeutungsschweren Fragen ergeht. Wer bin ich, was will ich, wohin gehe ich – nur nicht so kurz, sondern ausufernd, mäandernd, derart irritierend, dass schon der Anfang von Grüsse als Fukushima als Rausschmeisser funktioniert.

Marie (Rosalie Thomass) hat das Gefühl, nicht mehr tiefer stürzen zu können. Ihr Leben, wie sie es kannte, ist vorbei. So zieht es sie in die Präfektur Fukushima, wo sie für die Organisation Clowns4Help als Clown den Überlebenden der Dreifachkatastrophe von 2011, die noch immer in Notunterkünften leben, ein wenig Freude zu bereiten. Aber sie war nicht darauf vorbereitet, was ihr das Leben hier abverlangen – und wen sie treffen würde. Denn als sie die alte Frau Satomi in ihr mitten in der verstrahlten Region liegendes Haus fährt, will diese nicht mehr zurück. Marie bleibt bei ihr. Beide Frauen müssen sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen – und sich von ihren Schuldgefühlen freimachen.

Ganz in Schwarzweiss gehalten, ist es schon der Anfang allein, der klarmacht, welche Art Film hier auf den Zuschauer zukommt. Freundlich ausgedrückt, ist diese Art existenzialistisches Kino pures Arthaus, weniger diplomatisch gesehen kann man nur konstatieren, hier ein Werk zu sehen, das nicht daran interessiert ist, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen. Der Film bleibt ungreifbar, leblos, leer. Er wirkt weniger wie die Fingerübung einer in Ehren gealterten Filmemacherin als wie der hilflose Versuch eines Filmstudenten, alles, was ihm durch den Kopf geht und was er über die Welt, die Art, wie sie funktioniert und seinen Platz darin in einen Film zu packen.

Das alles ist getaucht in eine Tristesse, die man als realistisch ansehen könnte, die aber auch das Ergebnis reiner Manipulation ist, nicht zuletzt durch den Umstand erschaffen, dass das Werk in Schwarzweiss getaucht ist. Eine Notwendigkeit, ohne Farbe zu erzählen, gibt es nicht. Es mutet mehr an wie der Versuch, dem Ganzen Bedeutungsschwere einzuhauchen, wo im Grunde keine ist. Das kann man abfeiern, sogar hochleben lassen, aber abseits einer kleinen, sich als Cineasten begreifenden Klientel, die von der eigenen Ergriffenheit trunken ist, wird Grüsse aus Fukushima kaum jemanden wirklich ansprechen.

Grüsse aus Fukushima ist experimentelles, manipulatives, sich in Nichtigkeiten ergehendes Kino, das sich gar nicht erst bemüht, eine Geschichte erzählen zu wollen, sondern hofft, mit blossem Gefühl – oder der Illusion desselben – sein Publikum zu erreichen.

14.03.2016

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Kommentare

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patricia_schaufelberger

vor 6 Jahren

sehr schöner and tiefgründiger film


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