Parents Dänemark 2016 – 86min.

Filmkritik

Abtauchen und sich Wiederfinden

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Der erwachsene Sohn wird flügge, zieht aus und die Eltern werden auf sich selbst zurückgeworfen. Doch eines Tages sind sie dreissig Jahre jünger und begegnen ihrem Sohn. Der dänische Filmer Christian Tafdrup inszenierte ein versponnenes Beziehungsspiel, das einen reinzieht und fesselt.

Das kommt in den besten Familien vor: Der Sohn wird flügge und verlässt Hotel Mama. So auch Esben (Anton Honik), der zieht in eine Studentenbude – kühl, emotionslos und erwachsen gegenüber seinen Eltern. Man weiss nicht, was ihn bewegt: Die Freundin Sandra, die ihn jedoch schon bald verlässt, die Unabhängigkeit? Seine Eltern Kjeld (Søren Malling) und Vibeke (Bodil Jørgensen) scheinen es gelassen zu nehmen und spüren doch bald, dass eine gewisse Leere entstanden ist, dass ihnen ein gewohnter Beziehungspunkt fehlt. Sie, bisher fixiert auf Esben, vermissen ihn sehr. Sie sucht ihr Heil im Garten, er stöbert in Erinnerungen. Beide sind froh um jedes Zeichen ihres Sohnes und fühlen sich mehr und mehr im Abseits. Das Haus ist den Eltern zu gross geworden, sie suchen eine Wohnung und finden eine Idylle unterm Dach, wohl ihre alte Studentenbude, aufgefrischt und herausgeputzt. Sie tauchen quasi in ihre eigene Vergangenheit – und erwachen eines Tages als junge Leute, tatsächlich dreissig Jahre jünger.

Das stiftet Verwirrung – vor allem beim Zuschauer – denn die verjüngten Eltern (Elliott Crossett Hove und Miri-Ann Beuschel) begegnen ihrem Sohn auf Augenhöhe, heisst in gleichen Alter, der sie durchaus als Eltern erkennt. Zusätzlich irritiert die starke Zuneigung Vibekes zu ihrem Sprössling. Sie trennt sich gar von ihrem Mann Kjeld und zieht zum Sohn. Eine Liebschaft womöglich? Subtil und leise intensivieren sich die Verhältnisse infolge der Verjüngung. Visionen, Träume, Metaphern? Der dänische Autor und Regisseur Christian Tafdrup inszenierte ein Kammerspiel, real und genau, dennoch wird den Personen und dem Zuschauer quasi der Boden unter den Füssen weggezogen. Je rätselhafter die Begegnungen, desto anziehender wird die Geschichte. Die Beziehungen scheinen in Schräglage zu geraten, und doch werden sie «nur» in Frage gestellt, unter anderen jüngeren Vorzeichen gesehen und durchlebt. Am Ende bleibt verwelktes Laub und eine Zweisamkeit im Herbst sozusagen.

Tafdrup gelingt der Spagat zwichen Heute und Gestern, er pendelt geschickt zwischen Gehirn (Vernunft) und Gefühlen, unterstützt von der Kameraarbeit einer Maria von Hausswolff, die raffiniert ein Szenarium zwischen Realität und Vision erfasst, oft in dunklen Bildern mit suggestiver Kraft. Ein seltenes Kinostück im lauten Mainstream.

21.04.2017

4

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