CH.FILM

Finsteres Glück Schweiz 2016 – 113min.

Filmkritik

Weltuntergangsstimmung

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Der berührende Film des Schweizer Regisseurs Stefan Haupt (Der Kreis) basiert auf einem Roman von Lukas Hartmann und lebt vom feinfühligen Zusammenspiel der Darsteller.

Vorbeiflitzende Tunnelwände, oranges Licht, Geschrei, es knallt, und alles dreht sich: Bei einem Autounfall verliert der achtjährige Yves Eltern und Geschwister, nur er überlebt. Es ist der Tag, an dem sich viele Menschen die Sonnenfinsternis anschauen; Yves' Familie war dazu ins Elsass gefahren.

Früher glaubte man, die Sonnenfinsternis kündige den Weltuntergang an. Hier ist sie Vorbotin eines Unglücks. Zugleich steht sie für das lähmende Gefühl nach einem Schicksalsschlag, das auch Eliane kennt. Sie ist Psychologin und wird mit Yves' Fall betraut. Der Junge soll vorübergehend bei ihr und ihren Töchtern wohnen, weil sie sich durch die Nähe ein genaueres Gutachten erhofft. Yves' Tante und Grossmutter wollen beide das Sorgerecht, und offensichtlich gab es in der Familie grosse Probleme. Hat Yves' Vater den Unfall gar bewusst verursacht?

Das Schicksal des Jungen weckt bei Eliane schmerzhafte Erinnerungen; auch sie erlebte einen plötzlichen Todesfall, hatte mit Verlustängsten und Enttäuschungen zu kämpfen. Nicht zufällig interessiert sie sich für den Isenheimer Altar in Colmar mit den Darstellungen von Leben, Tod und Leiden, wie es zuvor kaum auf Gemälden zu sehen war. Und von der Kreuzigungsszene sagt man, der Maler habe sie unter dem Eindruck einer Sonnenfinsternis gemalt.

Im Film sind Licht und Dunkel ebenfalls wichtige Gestaltungs- und Ausdrucksmittel: Das kalte grüne Licht im Krankenhauszimmer lässt Yves noch verlorener wirken, am auffälligsten ist jedoch die Beleuchtung vor Elianes Haus. Selbst nachts im Nebel, wo man kühles Licht erwartet, erzeugen die Lampen einen orangegelben Schein, und dieser Kontrast erzeugt eine fast surreale Stimmung. Besonders gespenstisch wirkt es, wenn das Licht in die Waschküche fällt, in der Yves zwischen aufgehängten Bettlaken mit der toten Familie spricht.

So behutsam sich Eliane an den Jungen herantastet, so wenig dringt sie zu ihren beiden Teenager-Töchtern durch: Die eine rebelliert, die andere zieht sich zurück. Doch schimmert hinter der zur Schau getragenen Gleichgültigkeit oder der Alles-kein-Problem-Fassade immer wieder ihre Verletzlichkeit durch. Nicht nur bei ihnen zeigt sich die sorgfältige Ausgestaltung der Nebenfiguren. Selbst die hysterische Tante oder die rabiate Grossmutter vermitteln in ihren kurzen Auftritten noch andere Facetten ihrer Persönlichkeit. Die Interaktion zwischen Eliane und Yves aber gehört zu den Höhepunkten des Films. Das liegt weniger an den Dialogen als am körperlichen Zusammenspiel, den Blicken und Berührungen. Auch die dramatischsten Momente wirken nicht kitschig oder aufgesetzt, und was in der Geschichte leicht konstruiert wirkt, gleichen die Schauspieler aus. Finsteres Glück lebt denn auch besonders von der Psychologie der Figuren, und das sensible Spiel macht den Film zu einem ergreifenden Familiendrama.

14.11.2016

4

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Kommentare

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Patrick

vor 2 Jahren

Starker Tabak das sehr verstörend und realistisch daher,und das durch die grandiose Leistung von Noé Ricklin sowie die Aufnahmen im kalten Kamera Farbton noch stark verstärkt wird.


taxidancer

vor 4 Jahren

Langweilig


peter-ramseier

vor 4 Jahren

Eine feinfühlige Inszenierung von Regisseur Stefan Haupt. Wie er die einzelnen grandiosen Schauspieler psychologisch in die Ohnmacht, Verletzlichkeit, Verzweiflung, und schliesslich ins Glück führt, ist einfach meisterhaft. Die stimmungsvolle sensible Licht-und Kameraarbeit unterstützt die starke Dramaturgie der Geschichte. Ein Film aus dem Leben, der nie an der Echtheit zweifeln lässt. Er geht unter die Haut und stimmt nachdenklich. Ein starker Schweizerfilm.Mehr anzeigen


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