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Double peine Kanada, Schweiz 2016 – 100min.

Double peine

Filmkritik

Doppelt bestraft

Urs Arnold
Filmkritik: Urs Arnold

Wenn Mütter ins Gefängnis müssen, werden auch ihre Kinder bestraft. Léa Pools Dokumentarfilm Double peine befasst sich in vier verschiedenen Ländern mit den Kollateralschäden einer Freiheitsstrafe.

Kaum etwas auf dieser Welt ist tragischer, als Kinder leiden zu sehen. Ob Krieg, Hunger oder Missbrauch: Kinder sind den Umständen meist schutzlos ausgeliefert und haben vielfach ihr Leben lang an den Erlebnissen zu nagen.

Die schweizerisch-kanadische Regisseurin Léa Pool (Emporte-moi) nimmt sich in ihrer Doku Double Peine einer weiteren, bisher kaum betrachteten Facette des Kindsleids an. Hier geht es um Nachkommen, deren Mütter im Gefängnis sitzen. Kinder, die nicht nur mit dem Trauma leben müssen, getrennt von der Mutter aufzuwachsen, sondern auch mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Pools Film besucht über seine 100 Minuten Laufzeit hinweg vier Schauplätze in Nepal, Kanada, Bolivien und der USA. Jeder Ort weist seine Eigenarten auf. Während in Nepal die Kinder mit der Mutter ins Gefängnis müssen, wenn keine Pflegeeltern oder Verwandte für sie sorgen können, erschwert ein neues Gesetz in Bolivien genau dieses Zusammenleben hinter Gittern.

An allen Orten trifft man auf Schmerz, auf Tränen, aber auch auf Menschen, welche die Situation für Kind und Mutter durch unermüdlichen Einsatz verbessern wollen. In Nepal ist dies Indira, die für eine NGO ein Kinderheim leitet. Hier werden die "Gefängniswaisen" schulisch betreut, können spielen und treffen auf Gleichgesinnte. In den Staaten kümmern sich Angestellte der Osborne Association um Mädchen wie Andrea, und ermöglichen ihr Gespräche mit der Mutter via Internet sowie persönliche Treffen.

Léa Pool, deren Filmografie zum Grossteil im fiktiven Bereich angesiedelt ist, nähert sich dem Thema mit grosser Sorgfalt. Auf der Meta-Ebene übt sie Kritik, indem sie im Verlaufe des Films sieben Kinderrechts-Regeln einblendet, welche 2005 in San Francisco offiziell beschlossen wurden. Und vorangehend darauf hinweist, dass diese Regeln an vielen Orten nicht eingehalten werden.

Alle anderen Äusserungen überlässt sie den interviewten Personen. Auffällig ist, wie erwachsen und reflektiert manches Kind wirkt, wenn es über seine Situation redet. Es scheinen dies Zeichen des frühen, respektive verfrühten Erwachsenwerdens zu sein, des Verlustes der kindlichen Unschuld.

Double peine, auf Deutsch: Doppelte Strafe, konzentriert sich primär auf die Kinder, dann auf die Mütter. Deren Strafen bleiben nebensächlich, denn es geht nicht um einen Fingerzeig, sondern um den Umgang mit der Situation, und letztendlich um die Sensibilisierung der Gesellschaft für ein unpopuläres Thema.

24.01.2017

4

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