Voyage en Chine Frankreich 2015 – 96min.

Filmkritik

Die Reise zu sich selbst

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Liliane reist nach Asien, um den Leichnam ihres verstorbenen Sohnes zu holen. Der Beginn eines emotionalen Selbstfindungstrips. Voyage en Chine besticht durch prächtige Naturaufnahmen und leisen Humor, krankt aber an einer allzu faden Inszenierung.

Liliane (Yolande Moreau) ist eine Krankenschwester in ihren Fünfzigern, die mit ihrem Mann ein ereignisloses Leben führt. Das ändert sich, als sie vom Tod ihres Sohnes erfährt. Dieser lebte die letzten Jahre in China, also macht sie sich notgedrungen in das asiatische Land auf, um seinen Leichnam abzuholen. Zunächst verwirren sie die unbekannte Sitten und Bräuche, doch nach einer gewissen Zeit, findet sie Gefallen daran. Während der Reise taucht Liliane aber nicht nur in die Kultur des Landes sondern auch in das ihr weitgehend unbekannte Leben ihres verstorben Sohnes ein – und damit letztlich auch in ihr eigenes.

Der Kameramann Zoltan Mayer machte bisher vor allem durch seine Arbeit an TV-Serien von sich Reden. Mit Voyage en Chine versucht er sich erstmals auch als Regisseur. An Originalschauplätzen in Frankreich und China gedreht, konnte Mayer für seinen minimalistischen Film die belgische Star-Schauspielerin Yolande Moreau gewinnen. Einem internationalen Publikum wurde sie durch eine größere Rolle in der romantischen Komödie Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain (2001) bekannt.

Sanfte Melancholie und oft bedächtiger, behutsam eingestreuter Humor durchziehen den Film. Dieser blitzt immer dann vermehrt auf, wenn Liliane mit den kulturellen Besonderheiten des Landes oder der Offenheit der Einheimischen konfrontiert wird. Dies zeigt sich z.B. in einer Szene, in der sie unerwartet von einer Banknachbarin auf ihre (lediglich für asiatische Verhältnisse) große Nase angesprochen wird. Oder wenn sie ein Junge auf ihrer Reise durch das Land in einem alten klapprigen Bus, auf heitere Art der chinesischen Sprache näherbringt. Diese Szenen sind sympathisch und lockern die vielfach gedrückte, nachdenkliche Stimmung auf.

Die prachtvollen Landschaftsaufnahmen der malerischen, harmonischen Natur der Provinz Sichuan sind zudem ein Highlight des Films. Doch zu einem intensiven Filmerlebnis gehört mehr als eine berauschende Kulisse und auch die eindringlichen Szenen, in denen Liliane über Tagebucheinträge mit ihrem toten Sohn kommuniziert, können nicht über die deutlichen Längen des Films hinwegtäuschen. Das lethargische Tempo sowie die behäbige Erzählweise mit zu vielen ereignislosen, fast einschläfernden Szenen und Sequenzen, trüben den Gesamteindruck. Hinzu kommt der stoische Gesichtsausdruck von Hauptdarstellerin Yolande Moreau in der ersten Hälfte, der zu oft wie in Stein gemeißelt oder eingefroren wirkt. Dieser ändert sich immerhin, je länger die Reise dauert und sie sich mit Mensch und Kultur anfreundet. Dann weicht die mürrische Miene immer öfter einem freundlichen Lächeln.

23.05.2016

3

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