The Lobster Frankreich, Griechenland, Irland, Niederlande, Grossbritannien 2015 – 118min.

The Lobster

Filmkritik

Tierisches Dating

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Fast im Alleingang sorgte Yorgos Lanthimos in den vergangenen Jahren mit seinen in Venedig und Cannes prämierten Filmen Dogtooth und Alps für die Wiederbelebung des griechischen Kinos, in deren Welle auch Athina Rachel Tsangari (Attenberg), Panos H. Koutras (Xenia) oder Syllas Tzoumerkas (A Blast) Erfolge feierten. Doch wie so viele junge Kreative des krisengeschüttelten Griechenlands hat auch der Regisseur seine Heimat zumindest vorübergehend verlassen – und legt entsprechend mit The Lobster nun seinen ersten englischsprachigen Film vor.

Was sein Faible für skurrile Szenarien angeht, legt Wahl-Londoner Lanthimos in seinem fünften Spielfilm noch eine Schippe drauf. In seiner nicht allzu fernen Zukunft dreht sich alles um die Zweisamkeit: wer hier noch oder wieder Single ist, wird in ein Hotel zwangseingecheckt, wo 45 Tage Zeit bleiben, unter den anderen Gästen einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Zwischendurch wird im nahe gelegenen Wald Jagd auf abtrünnige Einzelgänger gemacht – und wer nach Ablauf der Zeit noch keinen Erfolg hatte, wird in ein Tier seiner Wahl verwandelt. David (Colin Farrell), von seiner Frau verlassen und in Begleitung seines Hund gewordenen Bruders, ergibt sich diesem Schicksal einigermaßen stoisch. Doch als sein Plan, ganz pragmatisch zumindest eine Zweck-Beziehung einzugehen, scheitert, gelingt ihm die Flucht in die Wälder, wo er bald die Bekanntschaft mit einer kurzsichtigen Frau (Rachel Weisz) macht...

Was Lanthimos aus dieser faszinierend absurden Prämisse macht, ist so vielschichtig, dass es sich auf unterschiedlichste Weise lesen lässt. Eine beißende Satire auf modernes Dating-Verhalten? Eine trostlos-bittere Vision vom Ende der klassischen Zivilgesellschaft? The Lobster ist all das – und nicht zuletzt eine erstaunlich berührende und romantische Abhandlung über die Liebe. Es ist nicht zu bestreiten, dass der Film letztlich in zwei recht unterschiedliche Hälften zerfällt: jene im Hotel und jene in der Natur. Man könnte deswegen kritisieren, dass der Fokus der Geschichte im Verlauf ein wenig verloren geht und der Regisseur, der in Cannes 2015 den Jury-Preis erhielt und gemeinsam mit Ko-Autor Efthimis Filippou den Europäischen Filmpreis fürs Beste Drehbuch gewann, seinen Bogen ein wenig zu weit spannt. Doch selbst zum Ende hin ist The Lobster noch so abseitig, facettenreich, amüsant, schräg und zärtlich, dass er locker zu den einfallsreichsten Filmen des Jahres gehört. Ganz zu schweigen davon, dass das hochkarätige Ensemble, zu dem neben Farrell und Weisz auch John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Lanthimos’ Ehefrau Ariane Labed und die famose Olivia Colman als Hotel-Direktorin gehören, noch für die größte Schwäche entschädigen würde.

31.12.2015

4

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Kommentare

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Janissli

vor einem Jahr

Total absurd und schräg, aber dennoch hat der Film etwas packendes. Sehr ideenreich und anders als normale Hollywood-Streifen. Hat mich zum Nachdenken über die Entwicklung unserer Gesellschaft in Bezug auf die Idee der Liebe und Zusammengehörigkeit gemacht. Muss man tatsächlich einander so ähnlich sein, damit man als passendes Paar angesehen und nicht ausgestossen wird?Mehr anzeigen


Deg89

vor 2 Jahren

Eine skurrile und originelle Idee, die eine Art liebesdiktatorische Gesellschaft zeigt, jedoch niemals albern oder fragwürdig daherkommt. Das Thema Beziehung wird anspruchsvoll und mit ruhigen, ausdrucksstarken Bildern erzählt. Der Schlussakt wirkt jedoch etwas Handlungsarm und ist zudem gut durchschaubar. Schade, da viele Momente davor wirklich zum nachdenken anregen.Mehr anzeigen


rolf_haefeli

vor 3 Jahren

So ziemlich das Schlechteste was ich je gesehen habe. Weder komisch noch interessant. Einfach nur dumm.


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