Der Schaum der Tage Belgien, Frankreich 2013 – 125min.

Filmkritik

Die fabelhafte Welt des Michel Gondry

David Siems
Filmkritik: David Siems

Neue Zauberwelten von Michel Gondry: Der neben Wes Anderson wohl verspielteste und fantasievollste Regisseur des konventionellen Kinos hat in Boris Vians Roman einen Stoff gefunden, der ihm wie auf den Leib geschrieben ist. Die sonderbare Liebesgeschichte zwischen Colin (Romain Duris) und Chloë (Audrey Tautou) ist wie gewohnt voller kindlicher Fantasie, spektakulären Requisiten und Einfallsreichtum. Ein Fest für Gondry-Fans.

Wie kann ich bloß diesen verdammten Aal aus der Wasserleitung anlocken? Vielleicht mit ein bisschen Ananas-Zahnpasta? Ta-da! Es klappt! Das wird ein festliches Abendmahl geben. Wer Boris Vians 1946 erschienenen Roman L'écume des Jours gelesen hat, durfte sich über eine ganze Reihe solch absonderlicher und surrealer Gedanken und Szenen erfreuen, die sich ihren Weg aus dem Kopf des Autoren hinauf auf die Buchseiten bahnten. Der 1959 verstorbene Schriftsteller war nicht nur ein vielseitiger Künstler (u. a. Autor, Jazzmusiker, Chansonnier, Schauspieler), sondern auch ein Musterbeispiel dafür, wie man Liebe in der Fiktion auf metaphysische und wunderbar mystische Art beschreiben und erklären kann.

Und Michel Gondry ist der Mann, der die passenden Bilder dazu liefert. In perfekt ausstaffierten und lichtdurchfluteten Sets, die aussehen wie fotografierte Kinderträume, erzählt er noch einmal die sonderbare Geschichte von Colin und Chloë. Er lebt als gefeierter Lebemann in Paris und genießt seine Berühmtheit zwischen rauschenden Festen, Jazz, Champagner, Glamour und geerbtem Reichtum. Doch was ihm zum wahren Glück fehlt, ist die große Liebe. Eigentlich begehrt er die Freundin seines besten Freundes, doch dann begegnet er der zauberhaften Chloë. Die beiden verlieben sich und heiraten. Doch ihr Glück währt nur kurz: Bereits auf der Hochzeitsreise verspürt Chloë ein Stechen in der Brust. Die Ärzte rätseln, doch die Zuschauer wissen mehr: In ihrer Lunge wächst eine Seerose.

Wann immer die Schauwerte mehr glänzen, als der Plot, hat ein Film ein grundsätzliches Problem. Doch hier darf man das seltene Glück bestaunen, dass sie Poesie, Einfallsreichtum und Geschichte wunderbar ergänzen. Auch wenn Audrey Tautou nach wie vor in der Amélie-Falle steckt, tut das diesem Film keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, denn Jean-Pierre Jeunets fantasievolle Glitzerwelten sind nun mal Teil unserer Sehgewohnheiten, wenn wir die 37-jährige Französin auf der Leinwand sehen. Mit Romain Duris hat sie einen galanten, aber trotzdem abgründigen Partner an ihrer Seite, der vor allem der tragischen Wendung in der zweiten Filmhälfte ein Gesicht aufsetzt. Wer sich nach einer verträumten und surrealen Liebesgeschichte wie The Science of Sleep von Michel Gondry zurücksehnt, wird an diesem Film seine helle Freude haben.





16.07.2013

4

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Kommentare

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gefuehlsmensch

vor 8 Jahren

bewegend.


chat1234

vor 8 Jahren

Der Film war echt schreg.... und enttäuschend....


frenchvanilla

vor 8 Jahren

wow! super poetisch und kreativ! Michel Gondry hat Bilder geschaffen die Boris Vian Imagination entsprechen... Audrey Tautou ist entzückend und Romain Duris verführerisch. Es hat sich gelohnt, alle diese Jahre auf die Verfilmung zu warten.


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