CH.FILM

Glückspilze Russische Föderation, Schweiz 2013 – 96min.

Filmkritik

Kleines Glück in grosser Manege

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Von der Strasse in die Manege: In St. Petersburg sind Menschen am Werke, die Kinder von der Strasse in den Zirkus holen, um ihnen Boden unter den Füssen zu verschaffen - für eine begrenzte Zeit. Die Berner Regisseurin Verena Endtner hat dieses beherzte Engagement dokumentiert.

Sie strampeln sich ab, als ob es kein Morgen gäbe, sie springen, turnen und tänzeln. Der quirlige sechsjährige Danja ist einer der Glückspilze, die sich hier auf ihren grossen Auftritt im Zirkus vorbereiten. Der Vater sitzt im Knast, die drogensüchtige Mutter ist gestorben - kein Wunder, wurde Danja zum Herumstreuner auf den Strassen von St. Petersburg.

Bei Larissa, der Direktorin des Zirkus Upsala, findet Danja Halt und eine Aufgabe - und avanciert sogar zum kleinen Star. Im Zirkus lernt er eine andere, eine familiäre Welt kennen, die ihm Zuversicht, Zusammenhalt und Zuneigung gibt. Allerdings ist Danja ein Glückspilz auf Zeit. Er muss zurück in ein Heim.

Danjas Schicksal steht stellvertretend für das anderer Strassenkindern, die in St. Petersburg zwischen Müll und Drogen aufwachsen. Da ist auch Igor, der Spross einer sechsköpfigen Familie, die auf engstem Raum in einer Gemeinschaftswohnung lebt, die man sich mit anderen Familien teilen muss. Die Mutter des Knaben mit tyrannischen Allüren sucht Hilfe beim Zirkus Upsala - und findet sie. Upsala soll auf Russisch übrigens "Steh auf, wenn du auf die Schnauze fliegst!" bedeuten.

Die Bernerin Verena Endtner ist durch Bekannte, darunter Clownin Gardi Hutter, auf das privat organisierte und betriebene Sozialprojekt gestossen, das es seit zehn Jahren gibt. Endtner hat nicht nur die Kinder im Blick, die eine "Familie" in Form eines Zirkus und einer gemeinsamen Aufgabe finden, sondern auch das schwierige Umfeld, zerrüttete Verhältnisse und einen Staat, der dem privaten Ansinnen misstrauisch gegenübersteht. Der Dokumentarfilm, mit einem Abstecher der Upsala-Kinder ins Berner Oberland garniert, ist gut und lieb gemeint. Er klärt über betrübliche Lebenssituationen von gefährdeten Kindern in ärmsten Verhältnissen auf. Das Projekt Upsala sät Hoffnungen, beschreibt Glücksmomente und animiert zur Beihilfe.

Filmisch und dramaturgisch gesehen, bleibt der Dokumentarfilm freilich ein nicht immer schlüssiges Kompendium von Szenen, Situationen und Sequenzen. Der Film zerfällt in Einzelteile und Puzzlestücke. In Erinnerung bleiben ein paar Protagonisten wie Danja, Igor oder Trainer Mischa, der ein eigenes Unternehmen aufzubauen versucht.

15.01.2014

3

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Kommentare

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danaron

vor 2 Jahren

Bewegender Film und sehr einfühlsames Portrait von Strassenkindern!


noemikeller

vor 6 Jahren

Witzig, berührend und unterhaltsam. Das Thema von vernachlässigten Kindern betrifft alle - schön, dass sie in diesem Film eine Stimme erhalten!


c-star

vor 6 Jahren

Muss man einfach gesehen haben! Ein Film der unter die Haut geht, liebevoll gedreht und spannende, eindrückliche Geschichten.


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