Searching for Sugar Man Schweden, Grossbritannien 2012 – 85min.

Filmkritik

Totgesagte singen länger

Filmkritik: Tamara Schuler

Klingt unglaublich: Ein Mann, der sich in Detroit mit harten Gelegenheitsjobs über Wasser hält, ist in Südafrika berühmter als Elvis Presley. Aus dieser wahren Geschichte ist ein berührender Dokumentarfilm entstanden - umrahmt von aussergewöhnlich guter Musik.

Die Globalisierung lässt grüssen: Ein Schwede dreht einen Film über einen mexikanischen Sänger in Amerika, dessen Lieder in Südafrika die Proteste gegen das Apartheids-Regime begleiteten. Seit über 12 Jahren macht Malik Bendjelloul Musiker-Portraits für das schwedische Fernsehen - unter anderem über Grössen wie Björk, Rod Stewart, Sting und Kraftwerk. Für seinen Debütfilm Searching for Sugar Man fungierte Bendjelloul gleichzeitig als Regisseur, Produzent, Kameramann und Cutter.

Sixto Rodriguez, Sohn mexikanischer Immigranten, geht in Detroit Gelegenheitsjobs nach, bevor er von einem Musikproduzenten entdeckt wird. Es folgen zwei Alben, die beide floppen. Doch irgendwie gelangt Rodriguez' Musik nach Südafrika. Dort werden Stücke wie "Establishment Blues" und "I Wonder" zu Hymnen gegen das Apartheid-Regime. Rodriguez selbst weiss nichts von seinem Ruhm, bleibt ein Mysterium - es kursieren gar Gerüchte um seinen Selbstmord. Bis zwei südafrikanische Musikjournalisten den Totgeglaubten ausfindig machen.

Seine Musik erinnert an Sänger wie Bob Dylan - und Rodriguez ist zweifellos ein Kind der Arbeiterklasse, wie auch seine Liedtexte eindeutig zeigen. Die ausgeklügelten Lyrics erzählen einerseits vom harten Leben der kleinen Leute im Detroit der 60er-Jahre. Andererseits vermochte der system- und gesellschaftskritische Gesang auch im fernen Afrika Staub aufzuwirbeln. Bendjelloul verknüpft hierzu geschickt Super 8-Archivmaterial der weissen Anti-Apartheid-Proteste mit Berichten von Menschen, die Rodriguez in direkter oder akustischer Form begegnet sind - einschliesslich seiner einstigen Produzenten und einigen südafrikanischen Fans.

Die dokumentarfilmische Herkunft des Regisseurs wird bei Searching for Sugar Man sehr deutlich - die Erzählweise bleibt sachlich und wenig dramatisch. Dadurch erhält der Film auch die eine oder andere Länge, die aber eindeutig weniger Schaden anrichtet als dies bei einem auf ein Hollywood-Publikum ausgerichteten, reisserischen Spannungsbogen der Fall gewesen wäre. Insgesamt ist Searching for Sugar Man eine liebevoll gestaltete und berührende Musik-Doku, die gleichzeitig von dem harten Pflaster Detroits, der repressiven Regierung Südafrikas und dem bemerkenswerten Werdegang eines bescheidenen, schicksalsergebenen Mannes erzählt.

Nur schon um die aussergewöhnliche Persönlichkeit von Sixto Rodriguez zu erleben, lohnt es sich, diesen Film zu sehen. Und nicht zuletzt auch wegen der bewegenden Aufnahmen des Revival-Konzertes, welches der "Inner City Poet" 1998 vor zigtausenden begeisterten Fans in Kapstadt gab.

09.07.2013

4

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Kommentare

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freddiemercury

vor 4 Jahren

Was für eine fantastische Geschichte! Was für Emotionen beim Konzert in SA! Da bleibt kein Auge trocken ...?


gefuehlsmensch

vor 6 Jahren

spannend und unterhaltsam.


katja.kessler@gmx.cg

vor 7 Jahren

Sehr spannender und toller Film!!!


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