CH.FILM

Sâdhu Indien, Schweiz 2012 – 90min.

Filmkritik

In der dunklen Höhle der Erleuchtung

Filmkritik: Eduard Ulrich

Der westschweizer Autorenfilmer Gaël Métroz zeigt in einem stilistisch und formal großartigen Werk die Kulminationsphase der Entwicklung eines sogenannten indischen Wahrheitssuchers, der sich in eine Höhle im Himalaya zurückgezogen hat, um zu spiritueller Erkenntnis zu gelangen. Bis zuletzt lässt der Regisseur sein Publikum aber im Ungewissen, ob er tatächlich einen echten Sâdhu filmen durfte oder ob ihm eine brillante Farce gelungen ist. So oder so: Das Publikum kann auf verschiedenen Ebenen profitieren.

Weitab von der Party-Szene gibt es auch in Europa Menschen, vorwiegend Frauen, die nach spiritueller Erkenntnis trachten. In Indien soll sich ein halbes Prozent der Bevölkerung (bei 1,2 Milliarden ergibt das immerhin sechs Millionen), vorwiegend Männer, ganz der Lebenssinnsuche zugewandt haben. Diese sogenannten Wahrheitssucher entsagen den weltlichen Genüssen und den materiellen Werten.

Sie leben meist zurückgezogen und von milden Gaben. Dokumentarfilmer Gaël Métroz hütet sich aber, seinem Publikum auch nur den geringsten Hinweis zu geben, ob sein Protagonist tatsächlich so ein Sinnsucher ist oder ob er sich einen Jux erlaubt hat. Einerseits ist es doch merkwürdig, dass ein echter Eremit überhaupt bereit sein soll, sich filmen zu lassen und von sich sowie von seinen Wünschen und Vorstellungen zu erzählen. Andererseits wirken die Figur und ihre spärlichen Aussagen authentisch.

Diese Frage bleibt bis zum Schluss unbeantwortet und macht sicher einen Reiz des formal großartig gestalteten Werkes aus. Métroz zeigt kommentarlos wunderschöne Bilder von der einsamen Umgebung auf über 3000 Metern Höhe, von den täglichen Verrichtungen in der dürftig erleuchteten Höhle und von den Meditationsübungen des fast nackten etwa 45-Jährigen. Sein Subjekt spricht sogar ein gut verständliches Englisch, besitzt ein Radio, das ab und zu erklingen darf, und spielt hin und wieder auf einer leicht verstimmten Gitarre Stücke, die an die Frühzeit der Pop- und Protestmusik erinnern und sein persönliches Befinden ausdrücken.

Auch dies sind Merkmale, die gemeinhin nicht mit einem Adepten auf dem spirituellen Pfad assoziiert werden. Die Herausforderung, eine eigentlich nur innerlich ablaufende Entwicklung zu visualisieren, meistert Métroz elegant, indem er zwei Elemente einbringt, welche die gesamte Szenerie umkrempeln und sowohl ein dankbares Sujet abgeben wie auch dramaturgisch vollkommen schlüssig sind. Wer das Rätsel um die Echtheit lösen möchte, kann sich im Web schlau machen.

16.04.2013

4

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Kommentare

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review

vor 9 Jahren

Interessante, eindrückliche Bilder (sehenswert) sowie
Erkenntnisse und Weisheiten einer suchender Kinderseele (tragisch-komisch)


north

vor 9 Jahren

schöne Bilder aber sehr unglaubwürdig der "Sadu" mit den schneeweissen Zähnen, den Haaren mit Conditioner gewaschen, der makellosen Haut etc


tuttitutti

vor 9 Jahren

Regt zum Denken an und öffnet Horizonte


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