Nostalgia de la luz Chile, Frankreich, Deutschland 2010 – 90min.

Filmkritik

Verschwunden - aber nicht vergessen

Filmkritik: Eduard Ulrich

Altmeister Patricio Guzmán appeliert mit seiner engagierten Dokumentation gegen das Vergessen der Folteropfer an unser Gerechtigkeitsempfinden. Dabei zeigt der Chilene glasklar, dass es kein Patentrezept zur Lösung von Traumata gibt - manchmal wahrscheinlich überhaupt keines.

Wenn Normalos einen Knall haben, haben Astronomen einen Urknall. Auf diesen Kalauer könnte man kommen, wenn man sieht, wie alte Frauen stoisch im Sand der hochgelegenen Atacama-Wüste nach Knochenteilen suchen, während in der selben Wüste Astronomen von ihren Sternwarten aus in die hintersten Winkel des Alls blicken, weil die Luft hier oben so schön klar ist. In dieser Wüste verstreuten die Schergen Pinochets Leichenteile von ermordeten Folteropfern, wenn sie sie nicht ins Meer schmissen, das in Chile nie weit weg ist. Angehörige der Opfer, denen bis heute jegliche Auskunft über das Schicksal der Verschwundenen verweigert wird, suchen immer noch nach Überresten, um endlich Gewissheit zu haben und eine vollständige Leiche beerdigen zu können.

Diese Art Neo-Archäologie setzt Guzmán in Relation zum Blick ins All, der genauso ein Blick in die Vergangenheit ist, da das Licht vieler Objekte Millionen Jahre unterwegs war, bis es die Erde erreichte. Gemeinsam ist beiden auch die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, denn in den unendlichen Weiten des Kosmos sind bestimmte Phänomene so rar wie ein Knochenteilfund in der Wüste. Allerdings bringt einer der befragten Astronomen den Unterschied beider Tätigkeiten prosaisch auf den Punkt, dass er nachts ruhig schlafen könne, die Frauen bekanntlich nicht. In der der ersten Verschränkung beider Gebiete dieser wohl etwas artifiziellen Analogie wird eine junge Mutter vorgestellt, deren Eltern verschwanden, die aber nun selbst als Astronomin arbeitet.

Neben den Astronomen unterhält sich Guzmán aber auch mit den Frauen, die in der Wüste zu Gange sind. Sie erzählen von den letzten Minuten ihrer Verschwundenen und von Funden einzelner Leichenteile. Das berührt und betrübt zweifellos, genauso wie es verdienstvoll ist, sich dieses Themas anzunehmen. Sein Einfall, in einer zweiten Verschränkung beider Gebiete den Frauen einen Ausweg aus ihrer astronomischen Mühseligkeit anzubieten, wirkt zwar etwas hilflos, aber angesichts unserer eigenen Ohnmacht könnte allein die Einsicht, dass man die Situation so wie sie ist ertragen müsse, als Erfolg gelten. Es bleibt die Hoffnung, dass in Chile endlich reiner Tisch gemacht wird - vielleicht gibt dieser Film sogar den Anstoß dazu.

14.03.2011

3

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Kommentare

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davidkoch

vor 9 Jahren

Eine Dokumentation, die berührt.


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