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Der Engel und die Fibonacci-Zahlen Schweiz 2009 – 60min.

Der Engel und die Fibonacci-Zahlen

Filmkritik

Künstler, Spinner und Kommerz-Heinis

Geri Krebs
Filmkritik: Geri Krebs

Ursprünglich Teil einer nie realisierten Serie über europäische Bahnhöfe des TV-Senders Arte, verarbeitete Samir seine Recherchen über den Hauptbahnhof Zürich zu einem dichten einstündigen Dokumentarfilm, der auch eingefleischten Zürchern "ihren" HB in neuem Licht erscheinen lässt.

Jeder, der schon einmal im Zürcher Hauptbahnhof war, kennt "L'Ange protecteur", den seit 1997 zehn Meter über dem Boden schwebenden Kunststoffengel von Niki de Saint-Phalle. Weniger bekannt ist dagegen die Installation "Das philosophische Ei" von Klaus Merz. An den Hallenscheiben der Westfront widerspiegeln sie den Anfang der Fibonacci-Zahlenreihe, einem seit dem 13. Jahrhundert bekannten mathematischen Phänomen, das exponentielles Wachstum beschreibt.

Über dieses Wachstum berichtet eine sanfte Off-Stimme (Alexandra Prusa) aus der Perspektive des Engels. Kunst, Architektur, und Soziologie bilden zu drei gleichen Teilen die Grundpfeiler eines solide gebauten historischen Dokumentarfilms, der mit Experten, heutigen Exponenten des Bahnhofs, sowie viel geschickt eingestreutem Archivmaterial ein komplexes Bild eines Bauwerks zeichnet, das heute täglich von gleich viel Personen frequentiert wird wie Zürich Einwohner hat.

Beim ursprünglichen Titel des Films hiess es vor "Der Engel" noch "Escher". Doch um die Sache nicht zu kompliziert zu machen, wurde der Name des Zürcher Eisenbahn-Pioniers und Super-Kapitalisten weggelassen. Im Film kommt er ausführlich vor, denn schliesslich steht Alfred Escher seit über 100 Jahren an vor dem Bahnhof, auf dem Bahnhofplatz auf seinem Sockel, blickt durch jene Bahnhofstrasse hinunter, die einst als seine visionäre Idee - eine von vielen - den HB direkt mit dem See verbunden hat.

Die zwiespältige Figur des am Ende seines Lebens als Spinner verschrienen Alfred Escher wäre für sich allein einen Film wert gewesen, doch "Der Engel" hastet im rasenden Tempo der Züge durch die Epochen und vermittelt eine lebendige Geschichte von Stadtentwicklung und Visionen, die bisweilen bizarr erscheinen. Wer weiss beispielsweise, dass Anfang der 1970er Jahre das ganze Gebäude hätte abgerissen werden sollen? Statt dessen entschloss man sich dann mit dem Boom, den wenig später der Bau der S-Bahn auslöste, den öffentlichen Raum Bahnhof in einer Weise zu kommerzialisieren, die kurz zuvor noch undenkbar gewesen wäre.

Doch auch das ist längst Geschichte, heute entsteht mit der "Durchmesserlinie" einer der grössen unterirdischen Bahnhöfe Europas, und dazu mit dem "Stadtraum HB" oder "Europa Allee" auf dem ehemaligen Bahnpostareal ein gigantischer Bürokomplex, mit unabsehbaren Folgen für die angrenzenden Quartiere. Hier setzt auch Samirs Kritik ein, der sich einmal mehr als Fan des Sozialkritikers Kurt Früh erweist. So erstaunt nicht, dass der Film mit Ausschnitten und Zitaten aus "Hinter den sieben Gleisen" endet. Und die Tatsache, dass der Zürcher Regisseur sich als grosser Eisenbahnliebhaber outet, eröffnet eine neue Facette dieses schillernden Cineasten.

27.01.2010

3

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