Snijeg - Snow Frankreich, Deutschland 2008 – 100min.

Snijeg - Snow

Filmkritik

Ein bosnisches Trauerspiel

Sonja Eismann
Filmkritik: Sonja Eismann

Die bosnische Jung-Regisseurin Aida Begic zeigt in ihrem Spielfilm-Debüt die Wunden, die der Jugoslawien-Krieg in ein winziges bosnisches Dorf geschlagen hat. Nur noch Frauen, Kinder und ein einziger alter Mann leben dort, und alle sind auf der Suche nach der Vergangenheit und einer neuen Identität.

In einem kleinen Dorf in Bosnien ist der Krieg gerade vorbei. Es ist 1997, aber es könnte auch früher oder später sein. Denn die winzige Ansammlung von Häusern im Nirgendwo sieht aus, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Dass sie das nicht ist, machen die scheinbar amputierten Lebensläufe der sechs Frauen, fünf Kinder, und des alten Mannes, die hier wohnen, deutlich: Ihre Männer, Kinder und Angehörigen wurden im jugoslawischen "Bruderkrieg" umgebracht.

So lebt die kleine Gemeinschaft jeden Tag mit dem Horror der Vergangenheit - ohne überhaupt zu wissen, wie und wo ihre Verwandten ums Leben gekommen sind. Dazu kommt die Sorge um das wirtschaftliche Überleben, denn die Obst- und Gemüsekonserven, die die Frauen auf die traditionelle, mühevolle Weise gemeinsam einmachen, will auf der verlassenen Landstrasse niemand kaufen. Als zuerst ein Lastwagenfahrer verspricht, die Produkte der Frauen zu "exportieren" und danach zwei serbische Investoren den Dorfbewohnerinnen das Land abkaufen wollen, müssen diese sich über ihre eigene Identität und ihre Wünsche klar werden.

Die 1976 in Sarajevo geborene Regisseurin Aida Begic erzählt mit ihrer beinahe archaischen Bildsprache von der Gemeinschaft dieser ganz unterschiedlichen, aber doch in ihrem Kummer vereinten Frauen. Dem magischen Realismus nahestehende Elemente wie die rasend schnell nachwachsenden Haare eines stummen kleinen Jungen verstärken den Eindruck von fast märchenhafter Zeitlosigkeit, die hart mit den angedeuteten Greueln kontrastiert. Auch wenn immer wieder kleine Ausflüchte und Ausbruchstendenzen gezeigt werden, ist dies doch kein klassischer Befreiungsfilm: Das Kopftuch bleibt an, auch in der Abgeschiedenheit des kleinen Dörfchens, und die Gemeinschaft, die sich immer wieder über die fehlenden Männer definiert, bleibt intakt. Statt um die Emanzipation von überkommenen Rollenmustern geht es der Regisseurin um die Konstruktion einer neuen, alten bosnischen Identität.

Im Vorprogramm wird der Kurzfilm "Ich träume nicht auf Deutsch" der ZhdK-Absolventin Ivana Lalovic gezeigt, in dem sie mit rauschend schönen Stadt-Bildern die Geschichte einer jungen Hotelangestellten in Sarajevo erzählt, die an ihrem Arbeitsplatz einen in den Westen emigrierten Geschäftsmann trifft. Am Ende dieser Nacht muss sie feststellen, dass sie ihn eigentlich schon viel besser kennt, als ihr zu dem Zeitpunkt bewusst ist. Trotz der stark konstruierten Story ein erstaunlich versiertes Werk, das neugierig auf mehr macht.

05.03.2009

4

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Kommentare

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Klaus1108

vor 9 Jahren

Ein Film, der in mir wohl noch lange nachwirkt.


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