4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage Rumänien 2007 – 113min.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Filmkritik

Zimmer ohne Aussicht

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Die Überraschung war groß, als in diesem Jahr, in dem auch neue Meisterwerke von den Coen-Brüdern, Gus van Sant und Fatih Akin zu sehen waren, die Goldene Palme von Cannes an den Film "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu ging.

Sicherlich hatte die Entscheidung der Jury, den Preis in ein filmisch relativ unerschlossenes Land, das noch damit beschäftigt ist, seine jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, zu vergeben, auch eine politische Komponente. Aber auch unter cineastischen Gesichtspunkten konnte der Film sich zu Recht gegen die prominente Konkurrenz durchsetzen.

Cristian Mungiu wirft einen Blick zurück ins Jahr 1987, als Marlboro-Zigaretten und Kosmetik in Rumänien noch bestenfalls auf dem Schwarzmarkt zu haben waren. Die Studentin Otilia (Anamaria Marinca) hat versprochen, ihrer Freundin und Zimmergenossin Gabita (Laura Vasiliu) beizustehen. Die ist schwanger und möchte eine Abtreibung vornehmen lassen, was unter schwerer Strafe steht und nur illegal möglich ist. Ein Mann wurde ihnen für den Eingriff empfohlen, den sie in einem Hotelzimmer treffen. Doch Herr Bebe erweist sich als unverschämter Widerling, der von den beiden Frauen Ungeheuerliches als Bezahlung verlangt. Gabitas Verzweiflung aber ist so groß, dass sie und Otilia sich auf alles einlassen.

Die politische und soziale Situation des kommunistischen Rumäniens spielt für Mungiu nur eine untergeordnete Rolle. Viel mehr konzentriert er sich auf das persönliche Drama der beiden Frauen, wobei sein Fokus auf der pragmatischen Otilia (atemberaubend gut gespielt von Marinca, die schon in der BBC-Produktion "Sex Traffic" auffiel) liegt, die einiges auf sich nimmt, um ihrer Freundin zu helfen.

"4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" - der Titel bezieht sich auf die Dauer von Gabitas Schwangerschaft - ist auf bemerkenswerte Weise weder voyeuristisch noch pathetisch. Pragmatisch, aber mit ungeheurer Sensibilität zeichnet Mungiu ein Bild der Freundschaft zweier Frauen, ihres Alltags und den mühsamen, vielfältigen Aspekten, die die Planung der Abtreibung mit sich bringt. In langen, ruhigen Plansequenzen schafft er eine eindringliche Nähe zu seinen Protagonistinnen und sorgt für eine beklemmend authentische Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Auf moralisierende Schuldzuweisungen und platte Erklärungen verzichtet der Regisseur genauso wie auf unnötige Schockeffekte. In seiner versierten, sehr klugen Inszenierung geht es ihm viel mehr um Intimität, Sprachlosigkeit und Menschlichkeit - und so erweist sich sein tief trauriger und bewegender Film in der Tat als Gewinner auf ganzer Linie.

10.03.2013

4

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Kommentare

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dulik

vor 5 Monaten

Ein packendes Drama aus Rumänien, welches von einer Abtreibung einer Studentin im Jahr 1987 handelt. Da dies zu dieser Zeit illegal war, ist dieses Vorhaben alles andere als ein Klacks und dies zeigt "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" eindrücklich auf. Dank starken Dialogen und Darstellern vergeht die Zeit wie im Flug. Der Film ist sehr authentisch und dürfte auch Leute, die sich bisher kaum mit diesem Thema beschäftigt haben zum Nachdenken bringen.
8.5/10Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor 5 Monaten


Gelöschter Nutzer

vor 9 Jahren

Der 1. Teil ist der Ausgangspunkt der Handlung: zwei Freundinnen haben eine Abtreibung in einem Hotelzimmer arrangiert. Die eine, die Leidtragende, die andere, Otilia, die Aktivere. Hier ziehen uns die unheimlich langen, wortlosen Szenen mit hinein in das Geschehen und setzten erste Denkanstösse.
Im 2. Teil läuft das Kontrastprogramm: eine Familienfeier. Alles quatscht sinnfrei durcheinander, singt und säuft. Mittendrin die schweigende Otilia. Der Zuschauer wird gezwungen zu erkennen, was ihr durch den Kopf geht, während die Worte an ihr vorbeirauschen - alles, nur nicht wie man Kartoffelpuré macht.
Dann im 3. Teil kommt die Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Hier werden wenn auch nur hypothetisch die unterschiedlichsten Ansichten hinsichtlich einer möglichen Abtreibung bei ihnen deutlich und damit wächst die Distanz zwischen ihnen. Es entsteht eine Atmosphäre der klaustrophobischen Angst, besonders bei der Entsorgung des Fötus: es ist Nacht, man fühlt sich beobachtet, die Kamera ganz dicht dran, wackelt hinterher. Und wenn man dann noch die die Situation unter Chaucescu mit seiner Securitate im Hinterkopf hat, wächst sich das zu einem menschlichen Albtraum aus.Mehr anzeigen


ylena

vor 12 Jahren

Was soll weigentlich dieser ganze "ich war fasziniert"-Bullshit. Ich lese das die ganze Zeit bei anderen Filmbewertungen auch. Oder bist du einfach nur "high", wenn du die Filme im Kino schaust?


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