CH.FILM

1 journée Frankreich, Schweiz 2007 – 95min.

Filmkritik

Ein Tag im Leben

Sarah Stähli
Filmkritik: Sarah Stähli

Das Auseinanderbrechen einer Familie wird in Jacob Bergers stilvollem Film aus den Perspektiven der drei Betroffenen erzählt. Die deutsch-schweizerische Koproduktion ist ein kunstvoll verpacktes Drama, das sich ganz auf seine schwelgerischen Bilder verlässt.

Ein früher Morgen im Genfer Vorort Meyrin. Der Regen prasselt unaufhörlich und dramatisch gegen die Fensterscheiben. Die Stadt schläft noch. Nur Serge ist schon wach. Er ist Radiomoderator einer Morgenshow. Hastig verabschiedet sich von seiner schlaftrunkenen Frau und macht sich auf ins Radiostudio. Zuerst unternimmt er jedoch noch einen Abstecher zu seiner Geliebten und gerät auf dem Weg zur Arbeit auf der nassen Strasse ins Schlittern.

Dieser stimmungsvolle Einstieg wird im Verlauf des Filmes noch zwei Mal aufgerollt. In "1 Journée" wird derselbe verhängnisvolle Tag aus drei Perspektiven erzählt. Die Erlebnisse und Wahrnehmungen aus der Sicht des Vaters, der Mutter und des kleinen Sohnes treffen sich, verweben sich ineinander und sind doch meilenweit voneinander entfernt.

Am eindrücklichsten ist die Figur der betrogenen Ehefrau und überforderten Mutter, eindringlich dargestellt von der belgischen Schauspielerin Natacha Régnier. Einmal erzählt sie einem Fremden, sie leide an einer merkwürdigen Krankheit. Sie träume nicht in der Nacht, sondern am Tag und in diesen Momenten, atme sie zwar, fühle sich aber wie tot. Tatsächlich bewegt sie sich wie eine Schlafwandlerin durch das Leben und ist in ihren Reaktionen immer ein bisschen zu spät. Sie ist die geheimnisvollste Figur, die einzige, von der man mehr erfahren möchte. Ihre rätselhafte Art rettet noch so symbolbeladene Szenen vor dem Absturz in den Kitsch. «Findest du mich seltsam?» fragt sie ihren eigenen Sohn einmal, wie ein verlorenes Mädchen. Er selber ist ein merkwürdig altkluges Kind, das am Ende die Geliebte seines Vaters küsst.

Der in der Schweiz aufgewachsene Regisseur Jacob Berger schafft es, dank einem ausgeklügelten Drehbuchkonzept und einer einnehmenden Bildsprache, eine Ehekrise und Familiendrama kunstvoll zu verpacken. Genau diese wirkt aber streckenweise gekünstelt und oberflächlich. Trotzdem ist "1 Journée" ein poetischer Film, der dann am bewegendsten ist, wenn er sich mit dem ganz unästhetischen Alltag befasst: Mit den zerfressenden Schuldgefühlen, die die Hauptfigur in die offenen Armen eines Polizisten laufen lässt etwa oder mit der tonnenschweren Einsamkeit inmitten eines überfüllten Trams.

09.11.2011

3

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Kommentare

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jugulator

vor 16 Jahren

Da ich in Genf wohne, war der Film für mich interessant. Meine Freundin war letztes Jahr als "Statistin" bei den Dreharbeiten dabei (Szenen im Bus), aber leider sieht man sie nicht: ( Der Film selber ist typisch europäisch, d. h. statische Kamera, moroses graues Dekor (die Vorstadt Meyrin eben) und eine zähe Story über Utreuheit in der Ehe. Kann man sich geben wenn man generell Filme mit schweizer Bezug mag.Mehr anzeigen


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