CH.FILM

Nachbeben Schweiz 2006 – 95min.

Nachbeben

Filmkritik

An der Goldküste

Simon Spiegel
Filmkritik: Simon Spiegel

Die schöne teure Welt der Investmentbanker entpuppt sich in Stina Werenfels' Kammerspiel als grosses Lügengebilde.

Dass Geld allein nicht glücklich macht, weiss ja jedes Kind, aber andererseits ist so eine Villa an der Zürcher Goldküste auch nicht zu verachten, und schämen muss man sich für seinen Reichtum schon gar nicht. Investmentbanker HP (Michael Neuenschwander) scheint auf jeden Fall keine Probleme damit zu haben, seinen Reichtum ganz unzwinglianisch zu geniessen. Er hat sich mit Frau Karin (Susanne-Marie Wrage) und Sohn Max in ein seinem Designer-Refugium behaglich eingerichtet; für ihn, den Mann der Stunde, scheint es im Leben keine Hindernisse zu geben. Dass die Idylle trügt, wird schon in den ersten Minuten von Stina Werenfels' erstem Kinofilm klar, wenn wir nur HPs unscharfe Konturen sehen, und er telephonisch neue Pillen bestellt.

Ein gemütliches Abendessen mit einem befreundeten Ehepaar ist geplant, Philip (Georg Scharegg) ist HPs bester Freund und sein direkter Vorgesetzter. Doch der Abend steht von Anfang an unter einem schlechten Stern - warum hat HP nur so darauf insistiert, dass er die Pillen bis zum Abend haben muss? Weshalb hat Philip den öligen Praktikanten Gutzler (Leonardo Nigro) mitgebracht, und warum diese erzwungene Ausgelassenheit? Der Grillabend wird zum Kammerspiel, in dem jeder der Beteiligten ein falsches Spiel spielt. Unter der gelackten Oberfläche lauern Abgründe.

Wie in "Snow White" stehen auch in "Nachbeben" die Laster der Zürcher Neureichen im Mittelpunkt, und tatsächlich wirkt Werenfels' Film in vielem wie das Gegenstück zu Samirs Hip-Hop-Märchen. Während in "Snow White" dauernd irgendwer durch Europa jettete, verdichtet "Nachbeben" seine Geschichte in einem einzigen Abend; begnügte sich Samir damit, die Hohlheit seiner Figuren zu zelebrieren, so macht Werenfels deren Brüchigkeit von Anfang an spürbar.

Die Moral, dass die Welt der Neureichen nur auf Lug gebaut ist, ist zwar nicht sonderlich originell, "Nachbeben" gelingt es dank seiner hervorragenden Schauspieler aber, diesen eher klischierten Stoff zum Leben zu erwecken. Für einmal dürfen wir uns in einem Schweizer Film an einem Ensemble erfreuen, das wirklich mit Sprache umgehen kann und bei dem die Dialoge nur dann platt klingen, wenn sie die Verlogenheit der Figuren sichtbar machen sollen.

Angesichts der darstellerischen Höchstleistungen nimmt man auch gerne einige Schwächen des Plots in Kauf; dass Max die ganzen Ereignisse als digitaler Voyeur verfolgt, bringt die Geschichte nicht voran, auch sind nicht alle Verstrickungen und Wendungen gleich überzeugend ausgefallen. Doch können diese kleinen Makel den positiven Gesamteindruck von Werenfels' eindrücklichem Kinodebut nicht trüben.

17.03.2011

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Kommentare

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Klaus1108

vor 11 Jahren

Habe den Film letztes Jahr im Kino gesehen, nun ein zweites Mal auf DVD. Die schöne Welt des Scheins und des Neureichtums an der Zürcher Goldküste wird eindrücklich vorgeführt.


irbis

vor 12 Jahren

Für einen Schweizer Film sicher sehr gut, allerding gibt es ein paar oberpeinliche Dialoge (etwa wenn dem Praktikanten die Wohnung gezeigt wird und er alle Designer kennt). Sehr gut die besoffene Partyszene, alles im allen leider aber oft etwas holzschnittartig, auch die Besetzung des Jungen (bedient wirklich jedes Klischee vom Wohlstandskind...) Man wird den Eindruck nicht los, dass selbst das Au-Pair nur deshalb aus Dänemark sein muss, damit man mit dem Holzhammer noch einen Bezug mehr zum Film "Festen" hat (mit dem man sich ja gerne vergleicht).Mehr anzeigen


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