La consultation Frankreich 2006 – 95min.

La consultation

Filmkritik

Ein Mann für alle Fälle

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

In der heutigen Zeit sind Hausärzte verkannt: Kaum jemand weiss noch, was sie tatsächlich leisten - zwischenmenschlich wie fachlich. Die französische Regisseurin Hélène de Crécy gibt in ihrem Dokumentarfilm "La consultation" einen unaufdringlichen Einblick in den Alltag eines Hausarztes.

Ein Baby hat Durchfall, eine Frau Verspannungen, und eine Studentin ist ungewollt schwanger. Ein junger Mann leidet an Schizophrenie, verweigert aber die Medikamente. Seine Mutter taucht weinend in der Arztpraxis auf und fühlt sich schuldig an der Krankheit ihres Sohnes. Eine alte Frau wiederum befürchtet, dass sie eines Tages die Selbstbeherrschung verlieren und sich unter ein Auto werfen könnte.

Solche Szenen spielen sich täglich in einer Hausarztpraxis ab. Diesen Alltag wollte die Regisseurin Hélène de Crécy einfangen, wobei sie vor allem die Arzt-Patient-Beziehung interessierte. Auslöser war ein Buch des Tropen- und Hausarztes Luc Perino. Davon beeindruckt beschloss de Crécy, einen Film zu drehen. Sie stiess bei Perino jedoch auf heftigen Widerstand; erst nach und nach gewann die Regisseurin das Vertrauen des Arztes. Ihre Geduld hat sich gelohnt: Erstaunlich natürlich verhalten sich Arzt und Patienten vor der Kamera. De Crécy nimmt die Kamera vollkommen zurück, beobachtet das Geschehen unaufdringlich - die Aufnahmen wirken nie voyeuristisch.

So verständnisvoll Perino gegenüber seinen Patienten auftritt, so bestimmt tritt er für klare Werte ein. Wenn er etwa feststellt, wie achtlos Menschen mit ihrem Körper umgehen, kann durchaus ein gewisser Zynismus mitschwingen. Vor allem aber verspürt der Arzt Ohnmacht gegenüber der Wirtschaft: "Die Medizin", so sagt er, "ist zu einem Trichter verkommen, der die Probleme der Gesellschaft auffangen muss": Da sind etwa der trinkende Familienvater oder die Call Center-Angestellte, die ein Arztzeugnis verlangt, weil sie ihren Job nicht leiden kann. Dann übermannt Perino ein Gefühl der Hilflosigkeit, denn die Medizin ist nicht imstande, alle Gesellschaftsprobleme zu lösen. Ebenso traurig stimmt es ihn, wenn er als Selbstbedienungsladen missbraucht wird und Rezepte und Medikamente nach Wunsch abgeben muss. Fast grotesk wirkt die Szene, in der eine Frau einen regelrechten Grosseinkauf tätigt. Wenn Perino ihr alles unberührt und kommentarlos aushändigt, wird seine zunehmende Resignation spürbar: Es scheint, als hätte er es längst aufgegeben, Patienten dieser Art etwas zu erklären oder sie zu beraten.

Ein wichtiger Aspekt der Hausarzt-Patient-Beziehung kommt in de Crécys Film leider etwas zu kurz: Die breit gefächerte Arbeit des Hausarztes wird zwar durch die Aneinanderreihung verschiedener Konsultationen deutlich. Die langjährige Vertrauensbasis, die Hausarzt-Patient-Beziehungen auszeichnet, ist hingegen kaum spürbar. Dennoch vermittelt der Film das Bild des Hausarztes als Menschenkenner, der auf Fühlen und Denken der Patienten eingeht. Und er zeigt die Gefahr, dass engagierte Hausärzte in einer Gesellschaft mit chronischem Zeitmangel, in der sich alles um Wettbewerb und finanzielle Interessen dreht, mehr und mehr an Bedeutung verlieren.

04.12.2007

4

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