CH.FILM

Grounding – Die letzten Tage der Swissair Schweiz 2006 – 120min.

Grounding – Die letzten Tage der Swissair

Filmkritik

Absturz in Raten

Filmkritik: Eduard Ulrich

Das Grounding der Swissair am 2. Oktober 2001 hat nicht nur Nationalgeschichte geschrieben, es gehört seitdem zum Grundwortschatz. Regisseur Michael Steiner hat aus dem Untergang der nationalen Airline ein spannendes Wirtschafts-Drama gemacht.

Im Zeitraffer flitzt die Geschichte der Swissair ab 1992 an uns vorbei. Sitzen wir in einem fantastischen Flugzeug, mit dem wir durch die Vergangenheit fliegen? Nationalrat Christoph Blocher politisiert gegen den Beitritt zum EWR, der eiskalte Philippe Bruggisser verkündet seine radikalen Pläne zum Expandieren der Swissair. Statt einer trockenen Geschichtslektion ein flotter Bilderreigen - ein fulminanter Einstieg.

Mit der Entlassung Bruggissers endet auch der (be-)rauschende Flug, das Tempo wird gemächlicher, Mario Corti übernimmt den Steuerknüppel und wir können schliesslich den Absturz der Swissair in Zeitlupe erleben. Das wäre an sich schon eine spannende Geschichte, die nur ein Virtuose mit einem Film erzählen könnte, denn es ist schwierig, die vielen Puzzlestücke zuschauerwirksam zu präsentieren. Ein Buch hat es da leichter: "Der Fall der Swissair" von René Lüchinger, Chefredakteur der "Bilanz", war auch Grundlage zum Drehbuch, an dem Lüchinger auch mitwirkte.

Leider vertraute Regisseur Michael Steiner nicht auf den Stoff und seine eigene Fähigkeit, ihn kinogerecht aufzubereiten. So wurden neben dem geschickt sortierten Archivmaterial und gut passenden fiktionalen Teilen mit den bekannten Akteuren - z.B. Gespräche zwischen Moritz Suter und André Dosé - noch einige typisierte Figuren konstruiert (Gate-Gourmet-Koch, Flugbegleiterin, Pilot), die im Mahlwerk der Ereignisse zerquetscht werden. Während aber die Übergänge zwischen Archivaufnahmen und gespielten Szenen unterschiedlich gut gelingen - phänomenal beispielsweise verkörpert Michael Neuenschwander André Dosé, relativ weit weg von Mario Corti ist dagegen der verdiente Hanspeter Müller -, genügen die kurzen Episoden der Reisbrettfiguren nicht, uns mitzufühlen zu lassen.

Diese plakativen Nebenhandlungen sind überfrachtet, die Analogien plump, die Details klischiert. Bedauerlicherweise bleiben auch die Bilder der gedrehten Szenen Klischee und ihre Fernsehfilm-Ästhetik ermüdet das Auge wie die sinnlos aufgemotzte Tonspur das Ohr. Die Archivaufnahmen sind der mit Abstand beste Teil des Films. Sie lassen ahnen, welcher Film möglich gewesen wäre. Wollen wir hoffen, dass die Filmproduktion damit nicht selbst ein Grounding erlebt, denn ein Film zum Ende der Swissair war nötig, auch wenn wir uns keinen "Dokumentarspielfilm" gewünscht haben.

31.01.2006

3.5

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

Urs23

vor 7 Jahren

Grandios, fesselt von der ersten bis zur letzten Minute.


sniper8

vor 11 Jahren

ich hab mit den film nur angesehen, weil ich sonst nichts zu tun hatte. ausserdem war es mal interessant zu schaune, was da eigentlich genau geschehen war. ich selber hatte damals nicht viel vom grounding mitbekommen.
zunächst sind haufenweise bekannte gesichter zum vorschein gekommen, welches in dem packenden drama genial zusammenspielt und brilliert.
ein grosser pluspunkt ist natürlich der verschnitt aus real und film. beides zusammen gibt einen misch, welcher zu einem spannenden (psycho) drama-action-thriller zusammenschmelzt.
die spannung ist extra klasse und die darsteller absolut glaubwürdig. ob es jetzt der wahrheit entspricht (liebe swissair- böse UBS) sei mal dahingestellt. der film packt auf jedenfall. auch wenn er gegen ende etwas zu sehr in die länge zieht.
nach filmende habe ich mich gefragt, was wohl die herren dosé, ospel, corti & co. zum film meinen (falls sie ihn gesehen haben). wäre auch mal ganz interessant.Mehr anzeigen


elias12

vor 11 Jahren

Habe den Film bereits einmal im Kino gesehen und heute Abend (9. 12. 07 20. 00 Uhr) kam er auf SF1.. war echt packend.. bis zur letzten Minute, vorallem die Musik ist 1a...
auch die Schauspieler hatten es wirklich drauf...

Endlich mal ein Schweizer Film, der auch mich interessiert hat und das obwohl praktisch nur schweizerdeutsch geredet wurde...

Hut ab den Machern!!

Auch wenn vielleicht nur ein Teil wahr war, die Dramaturige und die Action waren auf jeden Fall 1aMehr anzeigen


Mehr Filmkritiken

Die Eiskönigin II

Hors Normes

Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes

Last Christmas