Ein Freund von mir Deutschland 2006 – 84min.

Filmkritik

Mein liebster Feind

Sarah Stähli
Filmkritik: Sarah Stähli

Hans ist all das, was Karl nicht ist: laut, begeisterungsfähig, spontan und aufdringlich. Und er besitzt all das, was Karl fehlt: Optimismus, Humor und die Liebe einer schönen Frau.

Die zwei lernen sich in einer Mietwagenfirma kennen, in der Hans arbeitet. Der aufstrebende Jungmanager Karl wird von seinem Vorgesetzten angeheuert, dort einen Tag als Mitarbeiter inkognito zu verbringen, um Versicherungsrisiken vor Ort abzuschätzen. Der Auftrag war, wie sich später herausstellt, lediglich als Provokation gedacht, um endlich einmal eine Reaktion von Karl zu erhalten und ihn aus seiner Passivität zu wecken. Die hektische Arbeit inmitten der rasenden Autos und grobschlächtigen Typen gefällt Karl jedoch so gut, dass er am liebsten bleiben möchte. Vor allem auch, weil er dort Hans kennen lernt.

Dieser öffnet ihm die Augen für die schönen Dinge des Lebens und fordert ihn auf Schritt und Tritt mit seiner kindlichen, direkten Art heraus. Er ist der nervende Freund, wegen dem der zurückhaltende Karl am liebsten im Boden versinken möchte, gleichzeitig weckt dieser aber auch unbekannte Seiten in ihm. Als sich Karl in Hans' Freundin Stelle verliebt, lässt er dies ohne Groll gewähren. In seiner erfrischenden Naivität findet er sogar noch etwas Schönes darin, dass ihm Karl die Freundin vor seinen Augen wegstiehlt.

Sebastian Schippers Zweitling handelt wie schon sein charmantes Debüt "Absolute Giganten" von einer Männerfreundschaft und von einer Dreiecksgeschichte, die eigentlich gar keine ist. Die visuelle Sprache des von Tom Tykwer produzierten Film lässt einen relativ kalt, oft ist sie zu glatt, zu perfekt. Dies hat zwar laut Regisseur einen Grund: Er wolle die Zuschauer den Film durch die Augen von Karl sehen lassen, dessen Alltag grau und unspektakulär ist. Leider schwelgt der Film aber, trotz der stilvollen Kamera von Oliver Bokelberg ("Station Agent"), zu oft in geschmäcklerischen Bildeinfällen und wirkt streckenweise in Kombination mit der angestrengt schwermütigen Musik der britischen Band Gravenhurst wie ein zu lang geratenes Musikvideo; die endlosen Fahrten von Karl und Hans in geklauten Porsches erinnern an gestylte Autowerbespots. Was beim Erstling noch als Kinderkrankheit abgetan werden konnte, zeigt sich nun in "Ein Freund von mir" als bewusst eingesetztes Stilmittel, auf die Länge kann das etwas ermüdend sein.

Dass der Film streckenweise trotzdem überzeugt, ist der Verdienst der drei Hauptdarsteller. Mit Daniel Brühl, Jürgen Vogel und der Bernerin Sabine Timoteo - die zuletzt ebenfalls mit Vogel im Drama "Der freie Wille" zu sehen war - hat Schipper sicher drei der bemerkenswertesten Schauspieler des aktuellen deutschen Films besetzt. Wenn es ihnen gelingt, in beinahe improvisiert wirkenden Sequenzen ihre Rollenklischees zu durchbrechen, entstehen berührende und lebensnahe Momente, in denen die grosse Spielfreude der drei Schauspieler spürbar wird.

25.05.2021

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Kommentare

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kiwi333

vor 15 Jahren

sehr schöner film!


anakonda86

vor 16 Jahren

unglaublich gut...


themarque

vor 16 Jahren

Die Drehbuchautoren sollten sich einen neuen Job suchen und zwar in einer anderen Branche. Habe keine Lust mir noch einmal von so einem langweiligen, oberflächlichen Film die Laune verderben zu lassen...


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