Der rote Kakadu Deutschland 2006 – 128min.

Filmkritik

Die netten Jahre sind vorbei

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Dresden 1961: Die DDR ist noch jung, und ihre Jungen treffen sich im "Roten Kakadu", einem berüchtigten Tanzlokal. Dominik Graf hat einen Film über die Jugend im Schatten des Berliner Mauerbaus gedreht.

Das lässt sich gut an. Seltsam, dieses Treiben im Park, das an die letzte Szene aus «Blow Up» erinnert. Junge Menschen tanzen Rock'n'Roll, aber kein Ton ist zu hören. «Die Musik kommt später», raunt Luise (Jessica Schwarz) Siggi (Max Riemelt) zu, den sie nie zuvor gesehen hat. Die Musik allerdings, die später spielt, ist eine andere. Die Stasi fährt ein. Sackbrutal. Und auch so etwas macht Hoffnung: Siggi, der Kulissenmaler, ist im Dresdner Zwinger am Zeichnen; nicht die barocke Pracht, wie Passanten argwöhnen, sondern einen Gänsebraten, oder was von ihm übrig blieb. Eine programmatische Initiale, genau. Sagen will sie: Dieser Film wird vom Alltag handeln, und wie ihn die Jugend erlebt. Man schreibt das Jahr 1961, am 13. August beginnt in Berlin der Mauerbau.

Dominik Graf, hochgelobt zuletzt für «Der Felsen», kann leider nicht ganz halten, was er verspricht. Vielleicht ist der Brocken, den er mit «Der rote Kakadu» zu besteigen sucht, doch zu gross. Es ist ja auch viel, das er zu erzählen sich vornimmt: Einen Sommer der Liebe (und Hiebe!) im Schatten des Mauerbaus, von jungen Menschen, die zu einem «ménage à trois» finden und irgendwie doch nicht. Wie soll das gut kommen zwischen Luise und Siggi, wenn der nicht an die Idee eines sozialistischen Staates glaubt, der den real existierenden Irrsinn ablöst, von dem jene Rüpel mit Knüppel nur die Vorhut sind? Rübermachen zu wollen ist für die Lyrikerin eben schlimmer als das notorische Fremdgehen ihres Gatten (Ronald Zehrenfeld).

Die etwas typisierte Figuren-Konstellation - ein deutsch und deutliches Gegenstück zum Truffaut-Dreier aus «Jules et Jim», der neckischerweise 1961 gedreht wurde - ist nicht schuld, dass der «Kakadu» nicht richtig fliegen lernen will. Dem steht eher im Wege, dass Graf zu viel gleichzeitig will. Schön eingefangen ist die Atmosphäre im «Roten Kakadu», in dem sich die coole Jugend von damals traf, um in Jeans und spitzen Schuhen zu verfemter Musik abzuhängen. Gross wird es gar, wenn sich ins Grotesk-Orgiastische verzerrt, was im Untergrund der Spiesser-Diktatur aufblüht. Dagegen sind die Dialoge über Tag oft so dünn wie die Beinchen, auf denen Luise durch die Strassen hinkt.

Aber das Ganze will auch noch komisch sein. Bloss: Lacht man über Jungs, die in Sekt-Gläser pissen, wissend, dass sie sich hernach ein Stasi-Spitzel genehmigt? Ähnlich derb gebärdet sich der Humor, wenn die Bombardierung Dresdens begründet, warum eine Sekretärin (Kathrin Angerer) zur Nymphomanin wurde. Und auch der kriminalistische Plot, der irgendwann einsetzt, vermag den "Kakadu" nicht mehr aus dem Kakao zu ziehen, in dem er zu ersticken droht. Fast egal zum Schluss, wer hier wen verraten hat und warum, Hauptsache, man entkommt dem Zwinger, bevor die Mauer steht. Eigentlich bemerkenswert: Eine aus dem Osten regiert mittlerweile Deutschland, und die aus dem Westen erzählen den Ostdeutschen deren Geschichte. Siehe auch «Das Leben der anderen».

18.05.2021

3

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