Die Queen Grossbritannien 2005

Filmkritik

Das Schweigen der Royals

Benedikt Eppenberger
Filmkritik: Benedikt Eppenberger

Zahllose Reportagen, TV-Mini-Serien und Sachbücher haben es in den letzten Jahren unternommen, die globale Massenhysterie, die den Unfalltod und das anschliessende Begräbnis von Lady Di begleitete, zu beleuchten. Auch der Spielfilm «The Queen» nähert sich dem Phänomen. Als Protagonisten wählte Regisseur Stephen Frears die für ihre angeblich gefühllose Reaktion viel gescholtene Elizabeth II. sowie den damals frisch zum Premier gewählten Tony Blair.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet Stephen Frears, ein dezidiert linker Filmemacher, der Queen und ihrem antiquierten Verständnis von Krone und Königtum mehr Respekt entgegenbringt als jene, die während der Trauer um Lady Di nach radikaler Modernisierung der Monarchie krähten. Gefordert hat man damals von der Queen nicht weniger als mehr Mediengewandtheit, mehr Glamour, mehr Hollywood, mehr Volksnähe - all das, was Diana aufs Beste verkörpert hatte. Nur so würde das britische Königshaus für die Zukunft zu retten sein. Die Queen als Dienstleisterin im Zeitalter des medialen Supraleiters.

Nun haben in der globalen Eventkultur Moden und Stars eine kurze Halbwertszeit. Was gestern noch cool war, ist heute schon Schnee von vorgestern. Dem entgegen steht die Monarchie mit ihrer vielhundertjährigen starren Tradition, die wie keine andere Institution Beständigkeit verkörpern soll. Das heisst: Kurzlebige Moden werden ignoriert. So jedenfalls sieht das in Stephen Frears' Film «The Queen» die Queen (Helen Mirren). Sie kann nicht verstehen, dass die Briten nach dem Unfalltod ihrer Ex-Schwiegertochter ihre Königin ultimativ an den Kopf eines hysterisch trauernden Massenauflaufs stellen wollen. Womöglich soll sie medienwirksam schluchzen und salbungsvolle Worte finden für eine Frau, deren Ranschmiss an die Brust des internationalen Showbiz sie immer zutiefst missbilligt hatte. Nein, nicht mit mir, sagt die Queen und geht mit ihrer royalen Mischpocke - Prinz Philip, Prinz Charles, Queen Mum und den beiden Buben - erstmal auf Landsitz Balmoral auf Moorhuhnjagd.

Das nehmen ihr die Briten gewaltig krumm. So riesig ist ihre Trauer um die gegen eine Pariser Tunnelwand gefahrene «(Neu-)Rose von England», dass sie wahre Berge von Blumengebinden vor den Toren von Buckingham Palace abladen. Immer wieder sind Originalbilder empörter Untertanen zu sehen, die auf Zeichen königlicher Anteilnahme warten. Zwar ist alles erfunden, was Frears in Folge den Royals an Dialogen in den Mund legt. Es braucht allerdings wenig Fantasie sich vorzustellen, dass sich die Begräbnis-Klamotte genau so und nicht anders abgespielt hat. Da ist einmal, als Ruhepol im Auge des Sturms, die gefühlskalte Queen. Neben ihr «glänzt» Prinz Philip (James Cromwell) mit rassistisch-homophoben Ausfällen. Queen Mum (Sylvia Syms) sieht die Vorbereitung zur eigenen Begräbnisfeier von Dianas «Coup» durchkreuzt, und der hilflos-zaudernde Prinz «Chicken» Charles (Alex Jennings) krallt sich an den jungen Premier Tony Blair (Michael Sheen), wobei er ihn um Beistand gegen die dominante Mutter förmlich anfleht.

Tony Blair wird zuerst zum Antagonisten, später aber zum stillen Bewunderer jener Frau, von der Filmemacher Frears meint, dass sie die letzten paar Generationen seiner Landsleute geprägt habe wie sonst keine andere Figur des öffentlichen Lebens. «Solange ich denken kann ... sie war immer da.» So erleben wir Tony Blair, der, kurz nach Machtantritt, wegen Dis tödlichem Unfall mit einer ersten grossen Krise konfrontiert wird. Geschickt macht er sich zum Sprecher jener Briten, die sich eine angemessene Reaktion der Queen auf den Tod Dianas wünschen. «The People's Princess» war der Begriff, den Blairs Medien-Profis damals aus dem Hut zauberten und den der junge Premier ins Spiel brachte. Später, mit Fortschreiten der «Affäre», setzt beim opportunistischen Blair ein Wandel ein. Zum Schluss mischt sich bei ihm zur Freude über den Zuwachs an Popularität so etwas wie Respekt für eine Königin, die nicht recht gewillt ist, auf den schönen neuen Medienzug aufzuspringen.

Das Ansehen der Queen wird in diesem Film nicht geschmälert. Im Gegenteil. Während Charles (und auch sein Vater Philip) im Königsdrama als genau jene Knallchargen da stehen, die sie wohl auch in Wirklichkeit sind, zieht Frears seinen Hut vor der von Helen Mirren grandios verkörperten Königin. Er attestiert ihr Grösse, weil sie sich im entscheidenden Moment nicht zur Idiotin und damit zum Spielball des internationalen Showbiz-Karnevals gemacht hat. Ein solcher Haltungsverlust würde sich für eine richtige Königin nicht geziemen. Zumindest diese Frau nimmt ihren Job ernst, scheint Frears zu sagen und damit all jenen zu widersprechen, die denken, ein Dinosaurier wie die britische Monarchie könne mit Modernisierungsschritten wieder flott gemacht werden. Blödsinn. Das Gegenteil ist wahr. Wer es nicht glaubt, schaue nach Rom. Womit hat das Papsttum seine Popularität in den letzten Jahren gesteigert? Mit der Aufhebung des Zölibats? Der Zulassung von Frauen zum Priesteramt? Der Propagierung von Verhütung? Eben.

03.06.2014

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Kommentare

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gloriana0709

vor 10 Jahren

War überracht wie gut dieser Film geworden ist. Aber Helen Mirren ist für mich eh die beste Schauspielerin die es gibt. Ich habe mich nie für die Monachie intressiert, aber seit ich von Helen Elisabeth I und Elisabth II gesehen habe, intresiert mich auch ihr leben. Helen schafft es die Menschen mit ihren Schauspiel zu begeistern. Sogar die echte Queen war von Helens Darbietung begeistert. Das soll schon weis aussagen.Mehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 10 Jahren

Der Film ist nicht nur eine Perle für anglophile Monarchisten, er bringt auch denen etwas, die an Zeitgeschichte interessiert sind, denn er ist historisch äußerst genau. Genial hat Frears und sein Drehbuchautor just einen Ausschnitt aus der langen Regentschaft von Elisabeth II. herausgegriffen, in dem mit dem Tod von Prinzessin Diana und der Reaktion der Queen daraufhin die Frage nach dem Sinn der Royals in der heutigen Zeit überhaupt diskutiert wird. Auch die einflussreiche letztlich für die Queen rettende Rolle von Premierminister Tony Blair wird genau beleuchtet. Den Part der Antimonarchisten übernimmt rotzfrech und schwungvoll Cherie Blair.
Mit großem Einfühlungsvermögen, geistreichen Dialogen, subtiler Ironie und Liebe zum Detail ist der Film ein Leckerbissen für jeden aufgeschlossenen Zeitgenossen. Helen Mirren spielt nicht nur die Rolle der Queen, sie ist die Queen. Nicht nur, weil sie ihr so ähnlich sieht. Man begreift, dass sie ein Produkt ihrer Erziehung ist. Sie hat gelernt, dass man keine Gefühle zeigt. Folglich trägt sie auch nicht das Herz auf der Zunge, sondern macht viel eher aus ihrem Herzen eine Mördergrube. Man versteht ihr Verhalten, spürt die eisige Distanz zu ihrer Umgebung, unter der sie vielleicht sogar leidet und hat am Ende verständnisvolles Mitleid für aber auch Respekt vor einer der letzten großen Monarchinnen unserer Zeit.Mehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 13 Jahren

the queen ist sehr schön gelungen! helene mirren ist klasse!


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