CH.FILM

Klingenhof Schweiz 2005 – 85min.

Filmkritik

Zuhause hinterm Hauptbahnhof

Filmkritik: Irene Genhart

Beatrice Michels "Klingenhof" ist eine mit viel Herz gedrehte Studie über einen Innenhof in Zürichs Kreis 5 und die Menschen, deren Wege sich darin kreuzen



"Klingenhof", das ist zum einen der Name eines 1978 vom Architekten René Haubensak gestalteten Innenhofes in Zürichs Kreis 5; einer vom organischen Durcheinander von Pflanzen und den Ruinen ehemaliger Ökonomie-Gebäude geprägten Stadtoase. Zum andern aber ist "Klingenhof" der Titel eines Dokumentarfilms von Beatrice Michel. "Jeder Ort kann Mittelpunkt der Erde sein" steht an dessen Anfang programmatische ein Zitat von Claudio Magris: anfänglich ihren Lebenspartner, den 2002 verstorbenen Kameramann Hans Stürm, später den Kameramann Otmar Schmid an ihrer Seite, ist Michel in und um den Klingenhof auf Bild- und Tonjagd gegangen. Mal hat sie den leeren Hof gefilmt, mal den Kindern beim Spielen, den Teenies beim Tuscheln, den Alten beim Schwatzen zugeschaut.

Sie hat den Vietnamesen im Take Away, Nico im Kiosk besucht, sich zu den Gästen an den Stammtisch der anliegenden Kneipe gesetzt. Über drei Jahre hat Michel gedreht, mit viel Geduld das Gefundene zu einem dichten Ganzen verwoben. Resultat des Unterfangens ist das einfühlsame Porträt eines Zürcher Wohnquartiers und dessen Bewohner. Fragen nach Heimat und Entwurzelung; die Sehnsucht nach der Ferne, das Bedürfnis nach Freundschaft fliessen in dieses ein.

Man müsse, um sich an einem Ort zu Hause zu fühlen, die Jahreszeiten mehrere Mal vorbeiziehen sehen, erklärt ein alter Mann in "Klingenhof" und ein anderer, der aus dem Krieg kam, meint, er werde nach 24 Jahren an den Ort seiner Kindheit zurückkehren - aber wenn er sich dort noch fremder fühle als hier, werde er wieder "nach Hause kommen". Aus Lima, Bagdad, Istanbul, Sarajevo, Pescaro, Alpenstein, dem Emmental und Jura stammen Michels "Protagonisten" und führen am Klingenhof eine friedliche Koexistenz. Nicht dass "Klingenhof" übertrieben idyllisch wäre, im Gegenteil: Tief ehrlich stellt die Regisseurin Sonniges und Schattiges nebeneinander; so ungehemmt, wie sie ein Paar beim Flirten beobachtet, so unzimperlich schaut sie zu, wie der Hof geputzt wird, und auch die zugedröhnte, junge Frau, die im Toreingang schläft, entgeht ihr nicht.

Die Gegend hinter Zürichs Bahnhof ist derzeit rasant daran, sich zu verändern. Die Wohnungen - auch die in den Häusern am Klingenhof - werden schicker und teurer; die Stadtoriginale und Ausländer, in "Klingenhof" noch goldiges Herzstück, verschwinden. Was bleibt ist Michels Film: Das von der als Ich-Erzählerin agierenden Filmemacherin mit knappen Kommentaren versehene Protokoll der Recherche nach einer im Schwinden begriffenen Zeit, sowie ein zarter Abschiedsgruss an den Mann, mit dem sie durchs Leben ging.

01.04.2005

4

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