Merry Christmas Belgien, Frankreich, Deutschland, Rumänien, Grossbritannien 2005 – 116min.

Filmkritik

Weihnachten feiern auf dem Schlachtfeld

Filmkritik: Dominique Zahnd

Wenn der Krieg mal Pause macht: Es ist Weihnachten im Jahr 1914. An der Westfront stehen sich Deutsche, Franzosen und Briten auf dem Schlachtfeld gegenüber. Doch an diesem einen Abend halten die Soldaten füreinander keine Gewehrkugeln bereit - sondern Champagner.

Regisseur Cristian Carion erzählt in seinem faszinierenden Streifen "Merry Christmas" von einem aussergewöhnlichen Weihnachtsfest: Deutsche, Franzosen und Briten versuchen sich während des ersten Weltkrieges gegenseitig wegzupusten. Normalerweise. Doch ein einziges Mal kehrt für einen kurzen Moment Ruhe ein und die verfeindeten Soldaten stossen plötzlich miteinander an und knabbern zusammen Schokolade. Wenn da nur nicht der tragische Hintergrund wäre ...

Den Anstoss geben die Schotten, die am Heiligen Abend mittels Dudelsack Weihnachtsstimmung verbreiten. Benno Fürmann in seiner Rolle als Soldat/Tenor lässt sich von der Macht der Musik leiten - er fängt an, "Stille Nacht" zu intonieren. Weihnachtsbäume steigen darauf aus den Schützengräben empor. Zögerlich folgen die Männer in Uniform aus den unterschiedlichen Ländern nach. Das Ganze gipfelt dann im grossen Auftritt der Geliebten des Tenors, der dänischen Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), die alle mit ihrer Stimme verzaubert.

Bei Filmfans werden durch diese Szenen Erinnerungen wach - und zwar an die Auftritte von Marlene Dietrich vor den amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg und den Fassbinder Streifen "Lili Marleen" (1981), in dem die Kämpfer fürs Vaterland gleichzeitig einem melancholischen Lied aus dem Radio lauschten.

"Merry Christmas" ist also ein Kriegsfilm. Doch zum Glück kein typischer. Denn wer will so was in der Weihnachtszeit sehen? Ja, wer hat nach dem Overkill der letzten Jahre in dieser Sparte überhaupt noch Lust auf Kriegsfilme? Regisseur Cristian Carion versucht jedenfalls, die schlimmsten Klischees zu umgehen. Er dreht alles mehr in Richtung Appell an die Menschlichkeit und füllt die Leinwand mit eindrucksvollen Bildern. Die Musik ist stimmig und die Schauspieler gefallen - mehr oder weniger.

Bei Daniel Brühl ist man anfangs nicht sicher, ob er seiner Rolle als deutscher, grüblerischer Leutnant Horstmayer gewachsen ist. Doch der junge Mime überzeugt schliesslich mit seiner einnehmenden Leinwandpräsenz. Das wiederum kann man von seinen Kollegen Kruger und Fürmann nicht gerade behaupten - die beiden agieren knapp an der Grenze, an der alles in kitschige Peinlichkeit abzudriften droht. Das liegt vor allem auch daran, dass die Playbacks für den mit Dackelblick dahinschreitenden Führmann und die als Friedensengel inszenierte Krüger nicht immer richtig im Timing laufen.

Ansonsten rüttelt das Ganze ab und zu am Herz. Mehr dann aber auch nicht. Die französisch-britisch-deutsch-belgisch-rumänische Koproduktion "Merry Christmas" ist Frankreichs Kandidat für den Fremdsprachen-Oscar 2006. Bonne Chance!

10.11.2020

0

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

Mehr Filmkritiken

Minions - Auf der Suche nach dem Mini-Boss

Elvis

Top Gun: Maverick

Jurassic World: Ein Neues Zeitalter