Melinda and Melinda USA 2004 – 100min.

Filmkritik

Doppelt gepoppelt

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Früher besser gewesen: Auf wenig trifft der kulturkritische Allgemeinplatz mehr zu als auf das grossartige Werk des Woody Konigsberg, der sich bekanntlich Allen nennt. Und jetzt das: Ein poetologisches Lehrstück - fast so gut wie die alten Perlen. Auch wenn der Meister wieder nicht vor der Kamera steht.

Der Mann ist so pünktlich wie eine Schweizer Uhr: Seit Mitte der 60er liefert er einmal jährlich einen Film ab, vorzugsweise im Frühling. Muss man - wenigstens der, dessen liebste Pflanze Neurose heisst - von den frühen Allens alle, jenen aus den 80ern vielleicht jeden zweiten gesehen haben, so war von den neueren noch, Irrtum vorbehalten, "Deconstructing Harry" ein Must. Im Feuilleton begann das unschöne Wort "präsenil" die Runde zu machen, wenn von Woody Allens Filmen die Rede war; ironischerweise gerade nicht, weil er sich im Kreise drehte, sondern Neues versuchte - selber nicht mehr mitspielte zum Beispiel.

"Melinda and Melinda" nun, Allens Nummer zirka 39, erinnert schwer an damals, da alles gut war und ausserdem neu. Es beginnt in einem New Yorker Restaurant: Eine Frau, zwei Filmemacher, ein Sonstwas, viel Rotwein. Man erörtert das Wesen von Komödie und Drama unter ziemlich theoretischen Gesichtspunkten - und gibt sich plötzlich pragmatisch. Die Herren Regisseure sollen, beide nach Massgabe ihrer ästhetischen Gebote, das blosse Setting einer Story zu einer Geschichte erweitern. "Blondine crasht Dinner-Party" ist dieser Anfang von etwas, aus dem der eine eine tragische, der andere eine komische Version entwickelt.

Melinda tragisch (Radha Mitchell) rettet sich vor einer kaputten Ehe, zwei Kindern und einer Affäre in die Wohnung ihrer Park-Avenue-Freundin Laurel (Chloé Sevigny), scheint mit einem Pianisten glücklich zu werden, bis der sie mit Laurel betrügt. Melinda komisch (Radha Mitchell) sprengt die längst nicht mehr vollzogene Ehe von Film-Emanze Susan (Amanda Peet) und Schauspieler-Loser Hobie (Will Ferell), verliebt sich in einen Musiker, um schliesslich doch bei Hobie zu landen, der Melinda begehrt, kaum sind in seiner Wohung die 28 Schlaftabletten erbrochen, die sie intus hatte, um ihren Exitus herbeizuführen.

Es gibt nicht, so schliesst das poetologische Lehrstück versöhnlich, eine Überlegenheit der Komödie über das Drama, und eine des Dramas über die Komödie erst recht nicht. Die Frage ist allein, ob der Erzähler einer Geschichte sich auf ihre komischen Momente kapriziert oder ihre tragischen betont. Und weil eben weder jener weinselige "Tragiker" noch der lispelnde "Komiker" die wahren Regisseure von "Melinda and Melinda" sind, sondern Woody Allen in lange nicht mehr gesehener Hochform, verschränken sich die beiden Geschichten zunehmend zu einer, in der sich alles um das Eine dreht, das immer schon Allens Ding war: Was passiert mit Paaren, die nicht mehr wie früher immer und überall Sex haben? Ganz einfach: Sie haben nicht mehr viel zu lachen. Wir schon.

19.02.2021

4.5

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Kommentare

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Gelöschter Nutzer

vor 16 Jahren

Ein typischer Woody Allen Film, voller Witz und Ironie. Es gibt viel zu lachen, aber es ist sicher nicht sein bestes Werk. Auf jeden Fall sehenswert für den anspruchsvolleren Kinogänger.


amirog

vor 16 Jahren

Geschnurrr... schnurr.. schnurrr...!
Bin eingeschlafen und habe in der Pause das Kino verlassen.


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