CH.FILM

Früher oder später Schweiz 2003

Filmkritik

Jede stirbt für sich allein

Filmkritik: Eduard Ulrich

Zwar ist unsere Sprache voller Redewendungen, die das Sterben umschreiben, aber das tatsächliche Geschehen ist aus unserem Alltag in Krankenhäuser verbannt worden. Nur die Fratze des Unfalltods erschreckt uns noch manchmal; sie wird aber als vermeidbare Panne verdrängt. Jürg Neuenschwander hat quasi das Sequel zum Dokfilm "Elisabeth Kübler-Ross" geschaffen und die andere Seite der Medaille portraitiert: Das lange Ringen des Einzelnen um einen würdevollen Tod.

Nach den "Begegnungen auf der Milchstrasse" nun die Begegnungen mit dem Tod. Jürg Neuenschwander fürchtet sich nicht, in eine der letzten Tabuzonen vorzudringen. Heikel ist dieses Unternehmen aus zwei Gründen: Wie kann man sich einigermaßen neutral und respektvoll dieser zentralen Frage der individuellen menschlichen Existenz nähern, ohne mit den vielen verschiedenen Glaubensvorstellungen zu kollidieren? Und wo liegt die Grenze beim Darstellen individuellen Leidens im Film, der uns haut- und gefühlsnah an die Betroffenen heranließe?

Die Ausgangslage ist wohl einzigartig: Neuenschwander gewinnt das Vertrauen einiger weniger Todkranker und ihrer Angehörigen, um ihren Leidens- und Sterbeprozess mit Kamera und Mikrofon zu dokumentieren. Dadurch werden höchste Ansprüche an einfühlsame Regie und Kameraführung gestellt, denn die Angehörigen werden im Gegensatz zu den Gestorbenen das Werk betrachten können. Sie leben weiter, weshalb speziell ihre Gefühle respektiert werden müssen.

Das Gelingen kündigt sich schon bei der Musikwahl in den ersten Takten des Films an: Eine jazz-artige Musik, sparsam und dezent, die Freiräume lässt und eröffnet. Immer wieder kann man beobachten, wie die unsichtbare Grenze des Anstands berücksichtigt wird: Beispielsweise rückt Neuenschwander sinnentleerte, repetitive Handbewegungen - Ausdruck des Verlustschmerzes - übernah ins Bild, auf die Gesichter der Trauernden verzichtet er taktvoll.

Die Dramaturgie und Anlage des Stoffs ist klug: Zwischen verschiedenen Sterbeprozessen wird in einem ruhigen Rhythmus abgewechselt, womit eine Überlastung des Publikums im Mitleiden vermieden wird. Die Geschichten sind zudem sehr unterschiedlich, was Alter und Lebenssituation ihrer Protagonisten betrifft: Von den Zwillingsbabys über den 25- und den 40-Jährigen reicht das Spektrum bis zu einer 60- und einem 80-Jährigen. Wo es möglich ist, berichten die Angehörigen über ihre Erinnerungen, Hoffnungen und ihre Trauer. Vorgriffe auf Gespräche, die nach dem Tod geführt wurden, lockern das Geschehen genauso auf wie profane Teile, die sich mit den praktischen Verrichtungen wie aufbahren, Grab ausheben und Sarg versenken oder kremieren befassen.

Als Oasen, in denen man sich von dem fesselnden und berührenden Blick auf unser medizintechnisches Sterben erholen kann, sind einige Szenen zum religiös ritualisierten Sterben in Tibet eingeflochten. Damit wird eine im doppelten Sinn erwünschte Distanz geschaffen: Wir blicken mit anderen Augen auf unseren Umgang mit Sterbenden, und uns werden die Augen für Alternativen geöffnet.

25.02.2004

4.5

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Kommentare

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cratherhak

vor 17 Jahren

Ein echt guter Film.
Ich hatte während der ganzen Vorführung Gänsehaut.
Der Film zeigt alles sehr realitätsnah und echt, so wie der Tod eben ist.
Seht empfehlenswert...


sandroleoni

vor 17 Jahren

enorm ergreiffend


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