High Fidelity USA 2000

Filmkritik

High Fidelity

Filmkritik: Samuel Suter

Höre ich Popmusik, weil ich schlecht drauf bin? Oder bin ich schlecht drauf, weil ich Popmusik höre? - Existenzielle Fragen für Rob Gordon (John Cusack), dessen Leben sich nur um die Musik dreht. Seine Freundin ist ausgezogen, ist Ex, er stürzt sich kopfüber ins triefende Selbstmitleid und klappert verblichene Liebschaften ab. "High Fidelity" ist die (leider) amerikanische Verfilmung des gleichnamigen englischen Bestsellers. Der Film hält sich treu an die kultige Vorlage, lässt aber doppelten Boden und Charme vermissen.

Rob Gordon, frisch versingelt, erkennt in seiner persönlichen Beziehungschronik zwei wiederkehrende Hauptprobleme: Während einer Beziehung zwickt ihn tagtäglich die Frage, ob nicht "die da drüben" der Freundin ein gewisses Etwas voraus hat. Nach einer Beziehung trägt er schwer an der Gewissheit, dass es seine Ex mit ihrem Neuen viel, viel besser hat. In "High Fidelity" geht es vor allem um Letzteres. John Cusack spielt Rob Gordon, den Ich-Erzähler aus dem gleichnamigen Buch von Nick Hornby. Rob erzählt uns seine traurige Geschichte direkt in die Kamera: Er berichtet über Lara, seine Ex-Freundin (Iben Hjejle), und ihren Neuen, der sich Ray nennt, aber eigentlich Ian heisst (sehr gut und sehr unsympathisch: Tim Robbins). Kurzum, sie hat ihn verlassen. Wie ihn auch alle anderen Freundinnen zuvor verlassen haben.

Der sichere Wert in dieser Düsternis: Gute Musik. Robs Raritäten-Plattenladen "Championship Vinyl". Da ist die Welt in Ordnung, da fliegt auf die Strasse, wer nach "I just called to say I love you" fragt (In alten Tagen war Stevie Wonder ja ganz gut. Aber die neueren Sachen...). Die lauen Arbeitstage teilt sich Rob mit seinen beiden Angestellten Dick (Todd Louiso) und Barry (Jack Black). Die beiden liebenswerten Platten-Fetischisten erinnern an Computer-Nerds. Ausser dass sie eben auf Vinyl und nicht auf Chips stehen. Ihre Leidenschaft gilt dem Erstellen von Top5-Listen. Die "Top5 Montagmorgen-Songs", die "Top5 Songs über den Tod", oder auch die "Top5 Traumjobs". Lara kann sich jedenfalls bald rühmen, unter den "Top5 schmerzhaftesten Trennungen" von Rob zu figurieren.

Nick Hornby hat sein Kultbuch "High Fidelity" hautnah am Leben geschrieben. Die Geschichte birgt eine ganze Latte amüsanter Charaktere, auf den Punkt gebrachte stereotype Knatsch-Situationen, unzählige Anspielungen für Musikliebhaber und immer wieder kernige Lebensweisheiten. Der Film wächst damit auch leichtfüssig über andere amerikanische Beziehungs-Schmerz-Komödien hinaus. Und trotzdem: Man hätte dieser englischen Geschichte eine englische Verfilmung gewünscht. Mit rauem Londoner Vorstadt-Slang, zerkratzter Oberfläche, mehr Leidenschaft und Doppelbödigkeit. Obwohl die Besetzung rund um den Erzähler John Cusack (der auch als Koautor des Drehbuchs und Koproduzent fungierte) keine Aussetzer hat, bleibt alles etwas zu glatt und geschliffen. An der Hollywoodisierung der Geschichte ändert auch die Regiearbeit des Engländers Stephen Frears (Dangerous Liaisons) nichts.

Vielleicht stört dies alles nur, wenn man Hornbys Original gelesen hat. Man kann sich dann fragen, weshalb die Freundin im Buch einen grasgrünen VW Käfer und im Film ein graues Saab Cabriolet fährt. Das ist doch bitteschön einfach nicht dasselbe. Die wirklich guten Sprüche aus dem Buch bleiben aber gut, die abgefahrenen Plattenfreaks mit ihren Top5-Listen sind witzig, und man ist schnell an Rob und an seinen Problemen dran. Wer das Buch (noch) nicht gelesen hat, wird in dem Film einiges zu entdecken haben. Bloss, etwas der Vorlage Gleichwertiges hat der Film nicht geschafft. Dazu fehlt es ihm an Profil und einer gesunden Portion Überdrehtheit. Nick Hornbys "High Fidelity" gibt's übrigens seit ein paar Monaten auch auf deutsch zu kaufen.

19.09.2013

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Kommentare

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Shaye

vor 8 Jahren

Zieht sich etwas in die Länge ist aber im Grossen und Ganzen ein süsser Film, der einem zum Nachdenken anregt..


movie world filip

vor 8 Jahren

welche musik gehört zu welche fase in mein leben... das gefühl kennen wir auch


justkev

vor 18 Jahren

Ein bisweilen etwas langatmiger, jedoch sehr vergnüglicher Film mit gelungenen Charakteren. Allerdings sicherlich nicht unter meinen Top5...


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