Und morgen die ganze Welt Frankreich, Deutschland 2020 – 111min.

Filmkritik

Kampf mit allen Mitteln?

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Wie weit darf und sollte man gehen, um dem aufkommenden Rechtsextremismus Einhalt zu gebieten? Dieser Frage widmet sich die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg“) in ihrem brisanten Politdrama „Und morgen die ganze Welt“. Darin gerät eine junge Frau aus reichem Hause in den Sog einer linksradikalen Gruppierung.

Ihr Lebensweg scheint vorgezeichnet: Die 20-jährige Luisa (Mala Emde), die einer wohlhabenden Familie entstammt, hat gerade ihr Jurastudium begonnen und könnte auf eine grosse Karriere hinarbeiten. Über ihre Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) kommt sie jedoch in Kontakt mit einem linksautonomen Projekt in Mannheim, das auf friedliche Weise gegen den erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland protestiert. Nachdem Luisa auf einer Kundgebung das Handy eines Neonazis in die Hände gefallen ist, gerät sie ins Visier des charismatischen Alfa (Noah Saavedra), dem, anders als Batte, ein radikaler Kampf gegen die faschistischen Kräfte vorschwebt. Die Neue gewinnt nach und nach sein Vertrauen und darf schliesslich bei einer geheimen Aktion dabei sein, die in einen Gewaltausbruch mündet.

Mehrfach wird in „Und morgen die ganze Welt“ auf eine Passage des deutschen Grundgesetzes Bezug genommen, die allen Bürgern das Recht einräumt, sich gegen diejenigen aufzulehnen, die versuchen, die demokratische Ordnung zu zerstören. Wie genau dieser Widerstand aussehen solle, ist die Leitfrage des Films, der sich damit auf ein explosives Terrain begibt. Die in jungen Jahren selbst an der linken Front aktive Julia von Heinz lässt mit Luisa eine denkbar ungewöhnliche Figur in den Mikrokosmos der Antifa-Bewegung eintauchen und will beschreiben, wie sie langsam immer extremere Positionen einnimmt. Den Weg von der neugierigen Einsteigerin hin zur entschlossenen Rebellin zeichnet das Drehbuch allerdings nicht immer überzeugend nach. Hier und da hapert es ein wenig an der Nachvollziehbarkeit ihrer Entscheidungen.

Dass die Regisseurin eigene Erfahrungen im vorgestellten Milieu gesammelt hat, ist ihrer fünften Kinoarbeit anzumerken. Die Szene hätte sie aber ruhig noch etwas präziser beschreiben können. Über die konkreten Ziele und Motivationen der linksautonomen Vereinigung erfährt man nicht gerade viel. Als Gegengewicht zu den jungen wilden Revoluzzern bringt von Heinz den desillusionierten Altkämpfer Dietmar (Andreas Lust) in Stellung, der die Selbstinszenierung einiger Mitglieder offen anspricht.

Auch wenn „Und morgen die ganze Welt“ in der zweiten Hälfte erzählerisch etwas ins Schlingern kommt – die den Figuren auf die Pelle rückende Handkamera und das intensive Spiel von Hauptdarstellerin Mala Emde sorgen für ausreichend Dringlichkeit, um Luisas Entwicklung bis zum Ende mit Interesse zu verfolgen.

09.02.2021

3.5

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Kommentare

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8martin

vor 11 Monaten

Die Generation, die mit diesem Lied auf den Lippen nach Osten marschiert war, lebt größtenteils schon nicht mehr. Drum sollte man wenigstens noch den Satz vor dem des Titels von Hans Baumann erwähnen: ‘Denn heute gehört uns Deutschland…‘
Julia von Heinz kennt sich aus in der Antifa-Szene. Sie schickt ihre Heldin Luisa (Mala Emde) genau dort hin. Die Jurastudentin aus gutem Hause macht mit Begeisterung bei gewalttätigen Aktionen mit. (‘Faschos vermöbeln!‘). Sie freundet sich mit Alfa (Noah Saavedra) an. Er ist auch das Alpha-Tier der Gruppe, der sagt, wo’s lang geht. Er kundschaftet Gelände und Gebäude aus, plant und bereitet vor.
Nach der eingangs geschilderten ideologischen Klopp- und Prügelphase, kristallisieren sich um Luisa und Alfa weitere Figuren: z.B. Lenor (Tonio Schneider). Er ist u.a. der Fotograph der Gruppe, der ihre Einsätze im Bild dokumentiert. Er gehört wie Freundin Batte (L.-C. Gaffron) zur eher gemäßigten Fraktion. Luisas Eltern (Viktoria Trautmannsdorf und Michael Wittenborn) sind eher unpolitisch. Sie verkörpern die Generation, die es zu etwas gebracht hat und den Wohlstand genießt.
Ganz wichtig ist Dietmar (Andreas Lust). Er hatte damals sein Medizinstudium abgebrochen, arbeitet jetzt als Pfleger. Kann aber Luisas Fleischwunde behandeln und entpuppt sich als Ersatzvater für die Nachwuchsrevoluzzerin. Er ist schon da, wo die erst noch hinwollen, hat alles schon durchgemacht.
Die Mitgliedschaft in der Antifa ist für Luisa ein Coming-Off-Age. Sie macht Erfahrungen, auch erotischer Art, erkennt die Sinnlosigkeit mancher Radikalität und schlägt auf der Suche nach ihrem Weg eine für sie richtige Richtung ein. Welche das im Endeffekt sein könnte, deutet Alfa mal an: nebenbei macht er noch Scheine an der Uni.
Regie und Drehbuch sind um Ausgewogenheit bemüht, auch wenn ganz klar ist, wo das Herz der Regisseurin schlägt. Das Triumvirat klaut Sprengstoff und deponiert ihn im Vereinsheim des politischen Gegners. Zündung! Ende!
In den ausgiebigen Diskussionen werden zwei Dinge deutlich: die Zerstrittenheit der Linken bezüglich Aktionen und Zielen, sowie die Unfähigkeit kommunikativ ein einheitliches Vorgehen zustande zu bringen. Gelungener Drahtseilakt.Mehr anzeigen


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