Ammonite Grossbritannien 2020 – 120min.

Filmkritik

Verbotene Liebe im viktorianischen England

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

„Ammonite“ erzählt von der Paläontologin Mary Anning, die im England der 1840er-Jahre eine Affäre mit einer anderen Frau eingeht. Das romantische Drama ist hochkarätig besetzt und verweist auf historische Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern – krankt jedoch an einer aufgesetzt wirkenden Liebesbeziehung.

Der englische Küstenort Lyme Regis: Die mittellose Paläontologin Mary Anning (Kate Winslet) verkauft Fossilien an Reiche und Geologen. Als der Tourist Roderick Murchison (James McArdle) in Lyme ankommt, tritt er mit einer Bitte an Mary heran: Während seiner Abwesenheit soll sie sich um dessen Frau Charlotte (Saoirse Ronan) kümmern. Da Mary das Geld braucht, kann sie nicht ablehnen. Obwohl die Frauen verschiedenen sozialen Klassen angehören, verstehen sie sich immer besser. Und beginnen schliesslich eine Affäre. Allerdings im Geheimen, da ihre Beziehung niemals geduldet würde.

Mary Annings grosses Unglück war, dass ihr die gerechte Aufmerksamkeit und Anerkennung als Paläontologin stets verwehrt blieb. Vor allem von Seiten der männlichen Kollegen. „Ammonite“ deutet in einer Szene an, dass die anderen Wissenschaftler von ihrer Arbeit zwar gehört hätten – Wertschätzung oder Respekt aber erhält sie nicht.

Und so ist „Ammonite“ nicht nur ein biographisches Werk sondern auch eine wahrhaftige Betrachtung der damals vorherrschenden patriarchalen Strukturen. Denn ebenso Charlotte leidet unter der Dominanz ihres Mannes und der ungleiche Machtverteilung zwischen Mann und Frau. Diese Erkenntnis, dass beide Frauen in ihrer Einsamkeit und der Abneigung männlicher Dominanz entgegen, geeint sind, bringt Mary und Charlotte einander näher.

Winslet und Ronan agieren herausragend. Mit ihrem virtuosen Spiel gehen sie an die Grenze des Erträglichen. Zumal sie ihre Unsicherheit durch ein nuanciertes nonverbales Spiel vermitteln. Gerade im ersten Drittel, bevor sich aus der Freundschaft mehr entwickelt. Winslet ist die grüblerische und verarmte Naturforscherin. Ronan die wohlhabende aber depressive Ehefrau, die allmählich aus sich herausgeht.

Ärgerlich ist, dass die spätere Liebesbeziehung eher gehetzt und erzwungen wirkt. Es scheint, als wolle Regisseur Francis Lee mit der fiktionalisierten lesbischen Affäre unbedingt auf der Erfolgswelle des Kritikerlieblings „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (2019) reiten. Darin kommen sich im 18. Jahrhundert zwei aus verschiedenen Schichten stammende Frauen näher. Zuviel an „Ammonite“ erinnert an dieses Drama.

Und der über allen Bildern liegende graue Schleier erzeugt auf Dauer eine unangenehme, bleierne Schwere. Zwar sind die Naturaufnahmen kraftvoll und majestätisch. Die entsättigte Farbgebung und benutzten Filter jedoch vermitteln eine übertrieben gedrückte, regelrecht unheilvolle Gesamtstimmung, die besser zu einem Horrorfilm passt.

09.04.2021

3

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Kommentare

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Swisscheese

vor 4 Stunden

Sehenswert. Kate Winslet in Hochform


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