The Irishman USA 2019 – 209min.

The Irishman

Filmkritik

Häuserstreichen mit Stil

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Martin Scorsese vereint für das dreieinhalbstündige Mafia-Epos The Irishman Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci vor der Kamera in einer auf wahren Figuren beruhenden Geschichte rund um einen Auftragskiller, die das Gangsterdasein im 20. Jahrhundert seziert.

Seit Jahren wollte Martin Scorsese den True-Crime-Report «I Heard You Paint Houses» von Charles Brandt verfilmen. Die Finanzierung durch eines der grossen Hollywood-Studios erwies sich jedoch als schwierig, weshalb Netflix in die Bresche sprang und Paramount Pictures für 105 Millionen Dollar die Rechte am Film abkaufte. Gekostet haben soll The Irishman letzten Endes stolze 159 Millionen Dollar. Der Film wird weltweit in ausgewählten Kinos und kurz darauf auf der Streaming-Plattform von Netflix zu sehen sein.

The Irishman erzählt die Geschichte von Frank Sheeran (Robert De Niro), einem amerikanischen Kriegsveteranen mit irischen Wurzeln, der sich nach dem Krieg seine Brötchen beim Lieferdienst einer Schlachterei verdient. Weil er als Nebenverdienst einen Teil seiner Ladungen an die Mafia verkauft, wird er eines Tages wegen Diebstahls angezeigt und macht so Bekanntschaft mit dem Anwalt Bill Bufalino, der ihm einen Job bei seinem Cousin Russell Bufalino (gespielt vom eigens für diesen Film aus dem Ruhestand zurückgekehrten Joe Pesci) verschafft; dem Kopf einer in der Gegend von Pennsylvania tätigen Mafiafamilie.

Für Russell führt Frank in der Folge Aufträge aus, die nicht selten in gewaltvollen Auseinandersetzungen oder gar Ermordungen enden. Seine Loyalität zum Mafiaclan als rechte Hand von Russell verschafft dem Auftragskiller schliesslich eine Anstellung als Personenschützer des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa (Al Pacino), zu dem der skrupellose Mann eine tiefe Freundschaft entwickelt.

Der Film schildert die über mehrere Jahrzehnte andauernde Handlung nicht chronologisch, sondern mittels mehrerer Zeitsprünge. So beginnt die Geschichte im Altersheim, wo ein sichtlich gealterter Robert De Niro im Rollstuhl von einem Roadtrip sinniert, den er zusammen mit Russell Bufalino und deren Ehefrauen vor etwa 20 Jahren nach Detroit unternommen hat – offiziell, um an eine Hochzeit zu reisen. Von da folgen weitere Rückblenden, die Sheerans Werdegang vom Fleischlieferanten zum Vertrauten Jimmy Hoffas darlegen, der selbst enge Verbindungen zur Mafia hatte.

Genaue Zeitangaben machen Regisseur Scorsese und Drehbuchautor Steven Zaillian dabei nie – als Zuschauer kann man diese aber erahnen: Durch gezeigte Zeitereignisse wie die Ermordung Kennedys oder aber durch die sich verändernden Gesichter der Hauptdarsteller, die durch CGI-Technik beliebig verjüngt oder älter gemacht werden. Und diese sieht man relativ oft: Wenig Action und viel Dialog gepaart mit der heftigen Laufzeit von dreieinhalb Stunden machen The Irishman nicht gerade zu einer leichten Seherfahrung.

Dass sich ebendiese dennoch unbedingt lohnt, dafür sorgen neben den zu Höchstform auflaufenden Hauptdarstellern diverse Faktoren: The Irishman ist äusserst elegant erzählt, bis ins letzte Detail durchdacht, mit trockenem Humor gespickt und spektakulär schön gefilmt – an vielen Bildern kann man sich fast nicht sattsehen. Im Gegensatz dazu präsentiert sich das Gangsterdasein anders als auch schon in Scorseses Werken als verzwickte, trockene und ziemlich einsame Angelegenheit – eine Melancholie, die den Film erstaunlich emotional macht. Der 76-jährige Scorsese zeigt zum Ende seiner Karriere, dass er sein Fach noch immer absolut beherrscht.

14.11.2019

4.5

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Kommentare

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8martin

vor 6 Tagen

Martin Scorsese hat sich seinem Lieblingsthema gewidmet: der Mafia. Dieser überlange Film kommt einem fast vor wie ein Abgesang auf eine zu Ende gehende Ära. Als Grabgesang gibt es einen samtweichen Score aus bekannten Ohrwürmern, die hier nicht in der Originalversion zu hören sind, sondern in gefühlvollem Blues daherkommen. Darunter seltene Perlen von Johnny Ray oder Glen Miller. Eingerahmt wird die Handlung mit ‘In the Still of the Night.‘ Der Titel bezieht sich auf den Auftragskiller Frank (Robert De Niro). Er blickt in Retrospektiven auf sein Leben zurück. Sein familiäres Umfeld wird beleuchtet sowie seine wichtigsten Mitstreiter bzw. Gegner, darunter den Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) sowie die Bufalino Familie von der Cosa Nostra unter Russell (Joe Pesci). Sein Aufstieg und sein Ende. Freunde und Förderer sind alle tot. Sein Charakter steckt voller Überraschungen: anfangs unsicher und nie aneckend bringt er dann doch manchen Weggefährten um z.B. Hoffa, mit dem er lange eng zusammengearbeitet hatte. So muss wohl die Mentalität dieser Leute sein. Wenn es opportun ist, wird getötet ohne Mitleid oder Reue, wie Zähneputzen oder Rasenmähen. Es ist selbstverständlich. Das zeigt Frank im Gespräch mit dem Altenheimpfarrer. Er betet sogar, gesteht aber nichts. Nur Fotos bleiben ihm von Leuten, die keiner mehr kennt.
Im Hintergrund laufen bedeutende historische Ereignisse aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Kubakrise (1962), Ermordung von J.F.K. (1963) oder der Serbien Krieg der NATO in den 90er Jahren.
Wie in einem Epilog widmet sich das Drehbuch ausgiebig dem Lebensende des Iren. Er kauft sich einen Sarg. Der letzte Dreisprung seines Lebens: erst in die Kirche, dann ins Krankenhaus, dann auf den Friedhof. Breit angelegte Epik killt die Spannung.Mehr anzeigen


Taz

vor 15 Tagen

Auch wenn die Laufzeit von 3,5 Stunden anfänglich etwas abschreckt - die Zeit rast, wenn Scorsese seine Story erzählt. Getragen von hervorragenden Darstellern (allen voran Pesci) entwickelt sich eine Geschichte, in die man eintauchen muss, um sie vollends geniessen und erleben zu können. Schön ist es noch vereinzelt möglich, Filme zu drehen, die Fleisch am Knochen haben und die man auch nach dem Abspann nicht einfach so zur Seite legen kann. Mafia und Scorsese, das passt noch immer wunderbar. Bravo!Mehr anzeigen


thomasmarkus

vor 18 Tagen

Verlangt hohe Konzentration - eine Art Sittengemälde, mit grossen Fragen zum Schluss, mit einem subtilen Schlussbild denn auch....


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