Eva Frankreich 2017 – 102min.

Filmkritik

Seitensprünge

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Schauspiellegende Isabelle Huppert hat scheinbar eine Berlinale-Flatrate, denn es vergeht kaum ein Jahr, in dem die französische Mimin nicht mit einem Film auf dem Festival zu Gast ist. In diesem Jahr präsentiert sie sich in dem Drama Eva als Edelprostituierte.

Der junge und attraktive Bertrand (Gaspard Ulliel) arbeitet als Gelegenheits-Callboy. Eines Abends ist er bei einem Klienten, einem gealterten Schriftsteller, der ihm von seinem neuen, bislang unveröffentlichten Theaterstück erzählt. Doch dann erleidet der Schriftsteller plötzlich einen Herzstillstand und Bertrand wittert seine Chance: Er klaut das fertige Manuskript und lässt es unter seinem eigenen Namen aufführen. Das Stück wird ein Riesenerfolg und Bertrand als neuer Shootingstar gefeiert. Schon bald fordert sein Verleger das nächste Stück und setzt das neue Wunderkind unter Druck. Aber Bertrand fehlt eine zündende Idee. Durch einen Zufall trifft er die mysteriöse Edelprostituierte Eva (Isabelle Huppert), die ihn auf Anhieb fasziniert. Er beginnt, sich mit ihr zu treffen, ihre Gespräche dienen ihm als Vorlage für sein neues Drama. Doch Eva lässt nicht hinter ihre Fassade blicken und so begibt sich Bertrand immer stärker in eine emotionale Abhängigkeit, die ihm viel zu spät bewusst wird...

Bereits 1962 verfilmte Joseph Losey den gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers James Hadley Chase aus dem Jahr 1945, in dem Jeanne Moreau als luxusverwöhnte Femme fatale dem Hochstapler den Kopf verdrehte. Im Remake des französischen Regisseurs Benoit Jacquot wurde aus Eva eine Prostituierte und auch Bertrand ist dieses Gefilde nicht gänzlich unbekannt, wie gleich zu Beginn deutlich wird. Jacquot nutzt den gleichen Erfahrungshorizont der Figuren, um immer wieder die Machtstrukturen zu verschieben. Es ist permanent unklar, wer hier eigentlich mit wem spielt und wer wen benutzt. Dass das Wechselspiel der Dominanz so gut funktioniert ist vor allem den großartigen Hauptdarstellern Ulliel und Huppert zu verdanken. Doch leider zerfranst die Dramaturgie im Laufe des Films immer stärker, viele Momente verpuffen ungenutzt, manche Handlungsstränge verschwinden hinter Auslassungen und Leerstellen. Vor allem fehlt es aber dem Film an einer gehörigen Portion Suspense, die dem Geschehen die nötige Dichte verliehen hätte. Und auch die Verschmelzung von Realität und Fiktion wird immer nur angerissen, eine größere Irritation bleibt aus. So ist Eva lediglich ein solides, toll besetztes Drama geworden, das leider viel zu oft den Faden verliert.

10.05.2019

3

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Kommentare

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8martin

vor einem Jahr

Vom Titel her gesehen drängt sich natürlich der Vergleich mit dem Film von Joseph Losey aus dem Jahre 1962 auf mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle. Die Handlungen der beiden Evas sind nicht vollkommen identisch. Aber was viel schwerwiegender ist: die neuere Fassung von 2018 mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle ist verglichen mit der Urfassung ein fahriger, ziellos umherirrlichternder dialoglastiger Streifen. Auch das gestohlene Manuskript spielt in der Fassung von 2018 fast keine Rolle. Recht eindimensional agiert der junge Bertrand (Gaspard Ulliel) hier, der auf die reife Edelnutte ausschließlich fixiert ist. Und die Huppert spult ihr Repertoire aus dem Hurenmilieu professionell runter. Bertrand bleibt farblos und wird am Ende auch noch von Evas Ehemann George (Marc Barbé) – der gerade aus dem Knast entlassen wurde – versohlt. Seine Freundin Caroline bleibt unauffällig zwischen durchtriebenem Blondchen, das geheiratet werden will, und einem hilflosen Opfer. Die stümperhaften Schreibversuche von Bertrand, der ja nur vom Ruhm das gestohlenen Manuskripts lebt, passen nicht so recht zur übrigen Handlung. Genauso wie seine unmotivierten Gewaltausbrüche. Und Richard Berry als Bertrands Verleger weiß so gar nicht, was er hier soll. Aber das größte Manko am ganzen Film ist ein fehlender Schluss oder eine Wandlung oder eine Erkenntnis, vielleicht sogar ein Todesfall. Hier ist am Ende einfach Schluss. Schade um die vertane Zeit.Mehr anzeigen


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